Ein geheimes Töpferdorf

Arita – Takeo Onsen – Imari. Diese drei Ortschaften bilden ein gefährliches Bermudadreieck für Fans von japanischem Porzellan und Keramik. Diese Gegend besitzt für sie eine ungeheure Anziehungskraft, der sich schwer entziehen können.
Natürlich besteht die berechtigte Befürchtung, sie könnten auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Das Gute daran aber ist: sie tauchen irgendwann doch wieder auf. Mit Rucksäcken und Koffern voll mit Keramik, erzählen sie beglückt und mit leuchtenden Augen von ihren Abenteuern.

Okawachiyama – 12. Juni 2023

Eine viertel Stunde nur mit dem Bus vom Bahnhof Imari entfernt befindet sich Okawachiyama – ein ehemals geheimes Töpferdorf.
Die Fürstenfamilie Nabeshima, Herrscherin über die damalige Provinz Saga, erhielt die Erlaubnis, hochwertiges Porzellan aus Arita in ganz Japan zu vertreiben, besonders aber für die Höfe des Kaisers und des Shoguns. Aus Angst vor Konkurrenten, die sich das wertvolle Wissen und Können der Porzellanherstellung aneignen könnten, kamen sie auf die Idee, die besten Porzellanmeister mitsamt ihren Familien an einen besonders unzugänglichen Ort umzusiedeln. So entstand das geheime Töpferdorf Okawachyama. Es ist auf drei Seiten von hohen Bergen umgeben, der Zugang ließ sich sehr einfach durch eine einzige Straße kontrollieren.
Was hier in den darauffolgenden Jahrhunderten produziert wurde, firmiert unter Sammlern als Nabeshima-Porzellan. Es musste den höchsten Ansprüchen genügen und war ausschließlich für die adeligen Haushalte gedacht.

Heute gibt es rund 30 Betriebe in Okawachiyama, die immer noch Porzellan herstellen, einige von ihnen halten die Tradition mit den alten Formen, Farben und Mustern aufrecht, andere wiederum wandeln diese vorsichtig ab oder gehen ganz in modernem Design auf.

Wir beginnen unseren Rundgang durchs Dorf auf einer Seitenstraße, wandern das Tal hoch, immer am Fluss entlang, das üppige Grün leuchtet an diesem sonnigen Vormittag ganz besonders schön. Sogar das Bachbett ist mit bunten Porzellanscheiben ausgelegt.

Wir kommen an einem historischen Brennofen vorbei…

… und bewundern die vielen kleinen Brücken mit den bemalten Kacheln.

Von einer Aussichtsplattform kann man auf die schroffen unüberwindlich hohen Felsen schauen, die das Dorf umgeben.

Und dann tauchen wir ein, gehen die Hauptstraße von einem bis zum anderen Ende ab.

Hier sind die meisten Ladengeschäfte zu finden. Manche bieten von allem etwas an …

… andere wieder nur die Produktion einer einzelnen Manufaktur.

Weiter geht es zu einer Werkstatt, die sich auf die Produktion von Seladon spezialisiert hat.

Hier in Okawachiyama bietet so ziemlich jeder Laden kleine Glocken aus Porzellan an. Sie klingen ganz zart, sobald ein Windstoß sie erfasst und es ist sogar ein eigenes Festival diesen Glöckchen gewidmet.

Eine andere Werkstatt beliefert auch heute noch jährlich den japanischen Kaiser mit Geschirr. Ihre Familie geht auf einen der ersten Porzellanmeister zurück, die hier angesiedelt wurden. Die alte Dame weist jeden Besucher und jede Besucherin sichtlich stolz auf die Fotos an den Wänden hin, eines davon zeigt die kaiserliche Familie bei einem Besuch in eben diesem Laden.

Dieses runde Regal gefällt uns ganz besonders gut. Vielleicht können wir es irgendwann mal nachbauen?

Wir sind schon die ganze Zeit auf der Suche nach einem Hochzeitsgeschenk für Freunde – und werden in diesem Laden fündig, in der Hoffnung, dass unsere Auswahl auch den Geschmack der beiden trifft.

Zuletzt wühlen wir noch in den Grabbelkisten eines Ladens und können uns auch hier kaum entscheiden, so Vieles davon gefällt uns.

Doch nun müssen wir langsam los, die Zeit drängt, der letzte Bus zurück nach Imari geht bereits um 16.15h. Wir bezahlen und der Verkäufer beeilt sich, unsere Auswahl transportsicher einzuwickeln. Schwer bepackt erreichen wir den Bus…

Imari Stadt  (08. – 16. Juni 2023)

Wie bereits in einem früheren Blogbeitrag erwähnt, wurde in Imari selbst kein Porzellan produziert. Imari war der Hafen, von wo aus das Porzellan aus der Gegend von Arita innerhalb Japans oder nach Europa verschifft wurde. (Arita-Porzellan oder Imari-Porzellan, damit ist das Gleiche gemeint.)
In Imari saßen die Händler bzw. Zwischenhändler, die vom 17.-19. Jahrhundert regen Handel mit Porzellan betrieben. Einige Zeugnisse, dieser Geschichte sind erhalten geblieben und für Einheimische wie Touristen aufgearbeitet worden.

Die Jahrhunderte überdauert hat das alte Warenhaus der Familie Inuzuka. Eigentlich sind es im ganzen drei Häuser, die nebeneinander stehen und im Inneren miteinander verbunden sind. Die Familie Inuzuka betrieb das wohl erfolgreichste Handelshaus. Ende der 1980er Jahre schenkte die letzte Inhaberin der Firma die Gebäude der Stadt Imari. Die Häuser wurden renoviert und in einen möglichst originalgetreuen Zustand zurück versetzt. Nun befindet sich in diesen Räumen ein Museum und ein Verkaufsladen für Porzellan und Keramik.

Solcherart verpackt wurden die wertvollen Porzellanstücke über Land und auf dem Seeweg transportiert.

Nein, diese großen Porzellanteller haben wir nicht gekauft! Wir haben bloß der Bitte des Ladeninhabers entsprochen, der alle Besucher vor dieser Wand fotografieren möchte.

Die Hauptstraße von Imari, hat ihren Glanz als Einkaufsmeile etwas eingebüßt. Viele Geschäfte sind geschlossen, sie haben schwere Metallrollos herunter gelassen, so dass gar nicht mehr erkennbar ist, was dahinter einmal angeboten wurde. Ob es an der generellen Überalterung Japans liegt oder an den Folgen der Pandemie?

Jene Läden aber, die geöffnet sind, entpuppen sich als wahre Schatzgruben. Nicht nur Keramik, auch schöne Tücher, Stoffe und kunstvolle Kalligraphien werden da angeboten.

Auf dem Überblicksplan, den wir im Touristenbüro mitgenommen haben, sind in der Altstadt drei Brücken über den Fluss Imari eingezeichnet.
Die Aioi Brücke soll die Beziehung der Ehepaare festigen, wenn sie diese Brücke überqueren. Aber nicht nur, auch Liebespaare können vom Segen dieser Brücke profitieren.

Während man die Emmei Brücke überquert, soll man um gute Gesundheit und langes Leben beten.

Und die Dritte wiederum, die Saiwai Brücke, kombiniert die Segnungen der beiden anderen: Paare, die über diese Brücke gehen, werden ein langes und glückliches Leben miteinander verbringen können.

Alter Volksglaube spielt hier sicher eine Rolle, gleichzeitig ist es auch ein recht erfolgreiches Marketing der Stadt. Wie dem auch sei, wir gehen gemessenen Schrittes über jede dieser Brücken und stellen uns vor, dass sich damit all unsere Wünsche erfüllen werden!

Institute of Ocean Energy

16. Juni 2023

Immer wenn wir von unserem Liegeplatz nach Imari hineinfahren, fährt unser Zug an einem großen Gebäude mit der Aufschrift „IOES – Institute of Ocean Energy, Saga University“ vorbei. Neugierig geworden, recherchiere ich im Internet, was es damit auf sich hat und gehe eines Tages dort vorbei und frage, ob man das Institut besichtigen kann. Ja, kann man – ich vereinbare einen Termin für den übernächsten Tag, an dem wir zu dritt (Anne, die Tochter einer Freundin, ist für eine Woche zu Besuch bei uns) durchs Institut geführt werden und alles anschauen dürfen. Der Forscher, der uns das Institut zeigt, spricht hervorragendes Englisch und beantwortet geduldig unsere vielen Fragen.

Unter anderem dürfen wir besichtigen:

Ocean Thermal Energy Conversion (OTEC): hier wird die Temperaturdifferenz zwischen dem kalten Tiefenwasser (3-5°C in 1000 Meter Tiefe) und dem warmen Oberflächenwasser zur Stromerzeugung nach dem Prinzip eines umgekehrten Kühlschranks ausgenutzt: man nimmt eine Flüssigkeit wie z.B. Ammoniak, deren Siedepunkt zwischen den beiden Wassertemperaturen liegt. Wird diese Flüssigkeit nun in einem Wärmetauscher durch das warme Oberflächenwasser erwärmt, verdampft sie, ihr Dampfdruck treibt eine Turbine zur Stromerzeugung an. Hinter der Turbine wird in einem weiteren Wärmetauscher das kalte Tiefenwasser verwendet, um das gasförmige Ammoniak wieder herabzukühlen und zu verflüssigen, womit sich der Kreislauf schließt. Vom erzeugten Strom werden die Pumpen betrieben, der Überschuss ist die gewonnene Energie.

Wir können zunächst eine Demonstrations-Anlage betrachten, in der alle Bauteile aus durchsichtigem Kunststoff bestehen, danach werden wir in die Halle mit der 30 kW Anlage geführt, in der das Prinzip im größeren Maßstab umgesetzt wird.

Wave Energy Conversion: Nutzung der Meereswellen zur Energieerzeugung. Die Herausforderung hier liegt vor allem darin, dass solche Anlagen aus den moderaten Wellenhöhen Energie gewinnen müssen, die überwiegend vorherrschen. Sie müssen aber derart stabil gebaut sein, dass sie den extremen Seegang (zehn Meter oder mehr) überstehen, der zwar selten, aber dennoch vorkommen kann. Hierfür werden verschiedene Schwimmkörper vertestet, in denen die Auf- und Abbewegung des Wassers oder die Kippbewegungen des Schwimmkörpers eine Luftsäule verdichtet, die dann eine Turbine antreibt. Durch eine spezielle Geometrie der Turbinenblätter rotiert die Turbine immer in derselben Richtung, auch wenn die Luft abwechselnd ein- und ausströmt.



Tidal Current Power Generation: Gezeitenkraftwerke zur Stromgewinnung sind ein weiteres Forschungsfeld des Instituts. Hier werden spezielle Turbinen mit gegenläufigen Rotoren entwickelt, die lediglich mit einem Kabel am Meeresgrund verankert werden müssen und deren Wirkungsgrad zusätzlich durch eine Art Doppeltrichter verbessert wird, der die Anströmgeschwindigkeit der Turbine erhöht.

Offshore Wind Energy: hier werden verbesserte Windkraftwerke entwickelt, Schwerpunkte liegen auf Verankerungstechnik bzw. schwimmenden Windrädern, optimierten Flügelprofilen und Muli-Rotor-Geometrien. Als Windkraftwerke der nächsten Generation werden Flugdrachen erprobt, die nicht nur den stärkeren Wind in großer Höhe nutzen, sondern auch durch dynamische Flugbahnsteuerung die Gesamteffizienz erhöhen.

Lithium Recovery: Für die Batterietechnik werden große Mengen an Lithium benötigt, per Bergbau ist es jedoch begrenzt verfügbar (und zu großen Teilen von China kontrolliert). Lithium ist aber auch – wenn auch in der extrem geringen Konzentration von 0,1 – 0,2 ppm – in Seewasser enthalten. Im Institut wird ein vielversprechendes neues Verfahren entwickelt, Lithium-Ionen dennoch effizient aus dem Seewasser herauszufiltern und von den anderen Ionen zu trennen.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel der Technik. Wir waren jedenfalls sehr begeistert, was alles in diesem unscheinbaren Gebäude entwickelt und erforscht wird. Und dankbar, dass uns alles gezeigt und erklärt wurde. Wer mehr wissen will, wird auf der Internetseite des Instituts fündig: https://www.ioes.saga-u.ac.jp/en/

Küstenwache und Zoll in Imari

9. Juni 2023

Die Stadt Imari liegt am Ende einer tief eingeschnittenen Bucht. Die ganze Gegend ist stark industriell geprägt: Werften, Raffinerien, überall qualmt es aus den Schornsteinen – landschaftliche Schönheit können wir hier nicht erwarten. Die nächstgelegene „offizielle“ Marina liegt sehr weit außerhalb, und weil wir ja die Stadt und die Keramikörtchen im Hinterland erkunden wollen, suchen wir uns per Seekarte und google Maps ein Hafenbecken in Stadtnähe aus, das nahe an einem Bahnhof liegt, so dass wir vom Liegeplatz schnell und günstig in den Ort kommen können.

Wir entdecken am Ende des Hafenbeckens einen Schwimmsteg, eine Seite ist frei und wir machen dort fest. Aber – oops – auf der anderen Seite liegt ein Boot der Küstenwache! Bevor unsere Leinen noch richtig fest sind, bekommen wir auch schon Besuch. Ob wir hier bleiben können? Japaner sind ja so höflich, dass sie sehr ungern nein sagen. Wenn sie es aber doch müssen, kündigt ihr leicht schmerzverzerrter Gesichtsausdruck schon im Vorfeld an, dass dieses Mal die Antwort wohl negativ ausfallen wird: zwar ist nur eine Seite von der Küstenwache belegt, aber die andere Seite muss für Notfälle freigehalten werden. Außerdem ist der Zugang zum Steg abgesperrt, wir kämen hier also gar nicht von Bord. Wo wir denn dann hinkönnten? Die Beamten kontaktieren den Hafenkapitän per Telefon und bitten uns abzuwarten.

Nach etlichen Verhandlungen, einigen Formularen, ausführlicher Bordbesichtigung und knapp zwei Stunden ist alles geregelt: wir dürfen an der anderen Seite des Hafenbeckens längsseits festmachen. Zwar kein Schwimmsteg, aber der Tidenhub ist zur Zeit nicht so groß, dass dies ein Problem wäre. Ich frage noch kurz den Navigator des Küstenwacht-Bootes nach der Wassertiefe an der für uns vorgesehenen Stelle, weil ich denke, er hat vielleicht genaueres Kartenmaterial. Statt in die Karte zu sehen, schickt er aber zwei seiner Beamten mit dem Auto los, die nicht nur mit dem Lot die Wassertiefe messen, sondern gleich noch ein paar Mooringleinen aus dem Weg räumen, die uns behindern könnten. Per Telefon kommt dann die Information: vier Meter tief, alles perfekt!

Während wir die paar hundert Meter rübertuckern, springt auch der Rest der Mannschaft ins Auto und hilft uns, an unserem neuen Liegeplatz die Leinen anzunehmen.

Ein paar Tage später bekommen wir Besuch von zwei Zollbeamten, die das Boot besichtigen wollen und auch ein paar Formulare zum Ausfüllen dabeihaben. Sie kommen allerdings gerade, als wir mit Handtüchern und Wechselwäsche ausgerüstet zum Zug laufen wollen, um in Imari ins öffentliche Bad zu gehen. Als wir ihnen erklären, dass wir an Bord keine Duschgelegenheit haben und sowieso große Fans der japanischen Onsen sind, freuen sie sich nicht nur über unsere Wertschätzung dieses Teils ihrer Kultur, sondern haben es auch mit der Dienstpflicht nicht mehr so eilig. Sie können auch später wiederkommen. Als der jüngere Kollege dennoch ein Formular zückt, weist ihn der ältere Kollege zurecht: lass mal, die müssen doch zum Zug, um baden zu gehen.

Ist es nicht ein wunderbares Land?

Takushima

7. Juni 2023

Den Tipp bekamen wir von Fuminori-san aus Hirado: wenn wir Zeit hätten, sollten wir unbedingt die kleine Insel Takushima besuchen, denn da gäbe es ein kleines Ryokan (traditionelles japanisches Gasthaus), in dem man nicht nur ein Abendessen bekommen, sondern auch vorher ein Bad nehmen kann.

Das Inselchen hat keinen eigentlichen Ort, aber das Gasthaus ist dank google Maps schnell gefunden und wir versuchen, im nahegelegenen Hafen festzumachen. Der ist allerdings sehr klein, der einzige mögliche Liegeplatz hat ablandigen Wind und der drückt beim Anlegen immer wieder den Bug der Muktuk weg, bevor wir festmachen können. Nach etlichen Versuchen und einer ordentlichen Schramme am Bug brechen wir den Versuch ab.

Zum Glück gibt es aber am anderen Ende der Insel einen weiteren Hafen (wir fragen uns manchmal, ob japanische Inseln mehr Häfen als Einwohner haben), und der ist groß genug. Zu Fuß machen wir uns am späten Nachmittag auf den Weg, das Gasthaus ist etwa drei Kilometer entfernt. An Häusern und Zäunen hängen überall Kinderzeichnungen, die vor den Wildschweinen warnen, die offensichtlich auf dieser Insel zu Hause sind. Ein abwechslungsreicher Spaziergang führt uns vorbei an Cosmea-Feldern, liebevoll gepflegten Gemüsegärten und Selbstbedienungs-Ständen mit Gemüse.

Am Gasthaus angekommen, das gar nicht wie ein Gasthaus, sondern wie ein normales privates Wohnhaus aussieht, versuchen wir uns auf Japanisch zu verständigen: können wir hier ein Essen und ein Bad bekommen? Die Besitzerin schüttelt bedauernd den Kopf und redet auf uns ein. Viel verstehen wir nicht, aber es scheint, das Gasthaus würde nur auf vorherige Reservierung öffnen, und sie seien nicht auf Gäste eingestellt, hätten nichts eingekauft, vorbereitet etc.

Aber unser trauriger Gesichtsausdruck bringt sie dann doch zum Überlegen. Nachdem sie sich kurz mit ihrem Mann beraten hat, bedeutet sie uns zu warten. Nach einer Weile führt sie Birgit in ein kleines Badezimmer und lässt ihr in eine Art Sitzbadewanne ein heißes Bad ein. Ich darf währenddessen auf der Terrasse Platz nehmen, auf der ein Schreiner, ein Freund des Wirtspaares, gerade dabei ist, ein neues kleines Holzhaus zu bauen. Auf einem Betonfundament hat dieser das Gerüst für das Haus errichtet: Ständer, Riegel, Streben, Dachbalken und der ganze Dachstuhl stehen schon, nur Wände und Dach fehlen noch.

In dieses Gerüst stellen die Wirte einen Tisch und ein paar Stühle; ich sitze mit dem Schreiner bei einem Bier und übe mein Japanisch. Er erzählt stolz, dass er den gesamten Holzaufbau am heutigen Tag errichtet hat. Ich erzähle von unseren Reisen, und habe tatsächlich den Eindruck, dass wir uns – ausnahmsweise ganz ohne Übersetzungsprogramm – verständigen können. Nach einer halben Stunde kommt Birgit aus dem Bad, und ich darf ihren Wannenplatz übernehmen.

Während ich bade, verwandeln die Wirtsleute den Rohbau auf liebevolle Weise in ein gemütliches Restaurant: Blumen werden in Vasen auf die Holzriegel gestellt, der Tisch wird gedeckt, für später werden Lichter an die Dachsparren gehängt. Wir sitzen im Schein der untergehenden Sonne, schauen auf Meer und Hafen (den Schauplatz meines unrühmlichen Anlegeversuchs). Und dann werden die Köstlichkeiten aufgefahren: Platten mit Sashimi, Misosuppe, einlegtes Gemüse, Seeigel, Gebratenes, Gedämpftes… ein Gang nach dem anderen erscheinen auf dem Tisch, wir essen alle gemeinsam (die Wirtsleute, der Schreiner, Birgit und ich), Bier wird aus großen Flaschen reihum in unsere Gläser gefüllt. Wieder einmal fühlt es sich an, als hätten wir Familienanschluss gefunden, und wir unterhalten uns mit Händen, Füßen, Mimik und unsern paar Brocken Japanisch.

Als wir am späten Abend unsere Rechnung bezahlen und aufbrechen, bestehen sie darauf, uns mit dem Auto zum Schiff zurückzubringen – in der Nacht sei das mit den Wildschweinen nicht ganz ungefährlich…

Hirado – Geschichte und Geschichten

01. – 07. Juni 2023

Hirado, die große Insel im Nordwesten von Kyushu, war durch ihre exponierte Lage über die Jahrhunderte hinweg die erste Anlaufstelle für Seefahrer aus fremden Ländern.
Der berühmte chinesische Mönch Kobo Daichi soll im 8. Jahrhundert über Hirado eingereist sein; Ende des 12. Jahrhunderts brachte ein chinesischer Zen Meister den Grüntee nach Japan, der auf dieser Insel erstmals (auf japanischem Boden) angebaut wurde. 1550 schließlich erreichte das erste portugiesische Schiff Japan und legte in Hirado an. Der lokale Fürst Matsura Takanobu hieß die Portugiesen willkommen und auch die ihnen folgenden Engländer und Niederländer und erlaubte ihnen, hier Handelsniederlassungen einzurichten. Dadurch erlebte die Insel einen rund 90 Jahre dauernden wirtschaftlichen Aufschwung, bis das Tokugawa Shogunat 1641 den Handel mit fremden Nationen auf Nagasaki beschränkte.
Was Hirado heute so spannend macht für Touristen, sind die vielen erhalten gebliebenen und wieder aufgebauten historischen Stätten, die kulinarische Vielfalt sowie die abwechslungsreiche Landschaft, mit gut ausgebauten Wanderwegen und schönen Stränden.

Oben, im Norden befindet sich die größte Ortschaft der Insel, Hirado Stadt. Hier, über der engsten Stelle, der „Straße von Hirado“, spannt sich eine große rote Brücke, die die Insel mit dem Festland verbindet.
Vor vier Jahren sind wir unter dieser Brücke durch und mit großem Bedauern an Hirado vorbei getuckert, unser Zeitplan war damals sehr eng gestrickt. Dieses Mal aber möchten wir ein paar Tage lang bleiben und so viel wie möglich von dieser Insel sehen.

Wir waren vorgewarnt, dass es mit dem Anlegen etwas schwierig werden könnte, denn der große Schwimmsteg im Hafen hat an der geschützten Innenseite dicke Fender. Die sollen für ausreichend Abstand sorgen und verhindern, dass bei Seegang und Schwell die Segelboote mit ihren Masten an das Dach des Steges donnern und beschädigt werden. Diese Fender sind so dick, dass es für mich unmöglich ist, in einem beherzten Anlauf an Land zu springen. Drauf treten geht auch nicht, weil sich diese Fender wie eine Rolle um ihre Längsachse drehen. Glücklicherweise ist jemand am Steg, um die Leinen anzunehmen. Und dann legen wir ein Brett von der Reling bis zum Steg, auf dem wir vorsichtig balancierend an Land kommen.

Die Haupt- und Einkaufsstraße von Hirado ist parallel zum Hafen angelegt. Hier sind in renovierten alten Häusern viele verschiedene Läden zu finden und immer mal wieder auch ein Café oder ein Restaurant. Ein Geschäft in einem alten Lagerhaus beispielsweise bietet Süßigkeiten zum Verkauf an, nach portugiesischen und japanischen Rezepten perfekt gearbeitet, und auch die Verpackungen sind kleine Kunstwerke.

Eine Schulklasse ist vormittags unterwegs, um Müll in den Straßen und am Hafen einzusammeln. Fröhlich winken sie uns zu!

Auch in Hirado gibt es ein öffentliches Fußbad.

Wir schlendern die Straße einmal rauf und runter und gehen dann auf Entdeckungstour durch die angrenzenden Seitenstraßen, die teilweise steil den Berg hoch führen.

Andreas neben der Statue von Richard Cocks, dem Leiter der englischen Handelsstation im 17. Jahrhundert.

Wir entdecken einen alten Tempel, dessen Zugang und Tore vom Grün überwuchert werden.

Das Schloss von Hirado bei Vollmond

Die ehemalige Residenz der Fürstenfamilie Matsura

Der 39. Fürst des Hauses Matsura vermachte 1955 das Anwesen der Familie sowie ihre Sammlung an Kulturschätzen der Stadt Hirado.

Das Hauptgebäude ist heute ein Museum, in dem einige der wertvollsten Objekte der rund 30.000 Stücke umfassenden Sammlung der Fürstenfamilie präsentiert werden: Schriftstücke, Zeichnungen von historischen Schlachten, Puppen und Spiele, wunderschöne Kimonos und andere Alltagsgegenstände, wie Möbel und Geschirr.

Am beeindruckendsten ist eine meterlange Papierrolle, die wie eine Art Landkarte einen Weg durch halb Japan zeichnerisch darstellt. In der Edo-Periode mussten die lokalen Fürsten, die Daimyo, mindestens einmal im Jahr die lange und beschwerliche Reise nach Edo (dem heutigen Tokio) auf sich nehmen, um dem Shogun ihre Aufwartungen zu machen. Auch musste ein Teil ihrer Familie dauerhaft in Edo leben, als eine Art Unterpfand ihrer Loyalität.

Das Teehaus der ehemaligen Matsura-Residenz wurde 1893, im selben Jahr wie das Haupthaus erbaut und strahlt, ebenso wie der Garten, eine wunderbare Ruhe aus.

Im Gegensatz zum Haupthaus besteht das Teehaus aus grob gehauenen Holzstämmen und ist mit einem Reetdach versehen.

In der Früh sehen wir eine junge Frau, wie sie um das Haus herum geht, die Steine fegt, Zweige und Blätter einsammelt. Sie ist es auch, die uns am Nachmittag einen Grüntee zubereitet und diesen mit der dazu gehörenden Süßigkeit serviert. Ihr Englisch ist hervorragend und da wir die einzigen Gäste sind, unterhalten wir uns länger mit ihr. Sie erzählt uns, dass sie erst seit einigen Monaten auf Hirado lebt. Vorher hatte sie eine gut bezahlte Stelle in Tokio, arbeitete im Marketing einer großen Firma. Aber die langen Arbeitszeiten und der Stress der Großstadt sind ihr nicht gut bekommen, so dass sie ihr Leben komplett umgekrempelt hat. In dieser wunderbaren beschaulichen Umgebung geht es ihr inzwischen sehr viel besser.

Die Niederländische Handelsgesellschaft

Im Jahr 1600 erreichte erstmals ein niederländisches Schiff Japan. Der Navigator, William Adams, ein Engländer, errang ziemlich schnell das Vertrauen des Shoguns Tokugawa Ieyasu. Er erhielt den japanischen Namen Miura Anjin, und war bis zu seinem Tod einer der persönlichen Berater des Shoguns und der erste Ausländer, der in den Stand eines Samurai erhoben wurde. (Die Geschichte von Adam Williams diente auch als Vorlage für den Roman Shogun von James Clavell.)
Williams war es auch, der gemeinsam mit dem Fürsten Matsura beim Shogun Tokugawa für die Niederländer um eine Erlaubnis bat, auf Hirado eine Handelsstation einzurichten.

1609 kamen die ersten Händler der Niederländischen Ostindien-Kompanie nach Hirado. Sie bauten im Laufe der Jahrzehnte etliche Lager- und Wohnhäuser und zogen eine Mauer auf, um die Handelsstation auf der einen Seite gegen die See und auf der anderen Seite gegen Diebe und allzu neugierige Blicke zu schützen. Als sich Japan vom Rest der Welt abschottete, musste die Handelsstation im Jahr 1641 nach Nagasaki umziehen, auf die dort künstlich aufgeschüttete Insel Dejima. Alle Ausländer durften sich fortan in Japan nicht mehr frei bewegen und blieben die meiste Zeit in Dejima.
Alle Lager und auch das erst 1639 fertig gestellte Handelshaus sind auf Befehl des Shoguns zerstört worden. Erst rund 350 Jahre später wurde das Haupthaus nach alten Plänen und Zeichnungen auf den alten Grundmauern neu aufgebaut und 2011 als Museum eröffnet.

Das Schloss von Hirado

Zwei Tage später legt am späten Vormittag auf der anderen Seite des großen Schwimmsteges ein japanisches Segelboot an. Wir begrüßen die beiden Segler und kommen miteinander ins Gespräch, sie sprechen beide sehr gut Englisch. Fuminori, der Skipper und Eigner des Segelbootes, ist mit seinem Freund Ito bereits seit drei Wochen an der Westküste von Kyushu unterwegs. Die beiden leben in Nagoya, aber Fuminori stammt aus Sasebo, wo auch der Heimathafen seines Segelbootes namens Seeadler ist. Er kennt diese Gegend in- und auswendig und lädt uns sofort zu einer gemeinsamen Stadtführung ein. Nachdem die beiden sich etwas ausgeruht haben, ziehen wir los, zum Schloss von Hirado.

Im Jahre 1587 schenkte der regierende Shogun Hideyoshi dem Fürsten Matsura in Hirado viel Grund und Boden, als Dank für dessen Verdienste bei einem der vielen Feldzüge in Korea. Nach seiner Rückkehr baute der Fürst Matsura auf diesem Hügel ein Schloss, das aber 1613 von einem Feuer komplett zerstört wurde. Erst gut 100 Jahre später konnte das Schloss wieder aufgebaut werden. Die starken Grundmauern, die an die Topographie des Hügels angepasst wurden, sollten das Schloss vor Angriffen schützen und durch seine strategisch günstige Lage konnte die Meeresenge zwischen Hirado und dem Festland gut im Blick behalten werden.

Zurzeit beherbergt es, wie die meisten Schlösser Japans, ein kleines Museum. Vom oberen Stockwerk aus müssen wir nicht nach eventuell unwillkommenen Eindringlingen Ausschau halten, wir können einfach nur den atemberaubenden Rundblick genießen: auf den gut gesicherten Hafen und die eng bebaute Stadt Hirado sowie auf die vorgelagerten Inseln und die schöne rote Brücke, die heute die Insel mit dem Festland verbindet.

Fuminori ist seit einigen Jahren in Rente und hat nun Zeit, sich neben der Musik, seinem zweiten Hobby, der Geschichte, zu widmen. Die Stadtbibliothek verfügt über einen umfangreichen Bestand an Büchern und Archivalien zur Lokalgeschichte, hier hat er mehrere Wochen verbracht, um die Geschichte von Hirado zu studieren.

Auf dem Rückweg in die Stadt führt er uns in die Bibliothek und erzählt uns einiges über die besonderen Beziehungen des örtlichen Fürsten zu den Portugiesen und Niederländern. Ich frage ihn, warum sich so viele Japaner einer solch strengen Religion wie dem Christentum anschließen wollten, wo doch der Buddhismus und Shintoismus ihnen eigentlich mehr Freiheiten gewähren. Das habe vielerlei Gründe, sagt Fuminori und setzt zu einer längeren Erklärung an. Der erste Jesuitenpater, Francisco de Xavier war eine äußerst beeindruckende und charismatische Persönlichkeit, aber auch die anderen Priester, die ihm in den Jahrzehnten darauf folgten, waren interessante Gesprächspartner für die Fürsten, denn sie brachten Kenntnisse in den Bereichen der Medizin, Naturwissenschaften, Musik und Kunst mit. Ein blinder Mann namens Lorence Ryohsai, aufgewachsen in einem kleinen Fischerdorf von Hirado übersetzte zwischen den Fürsten und den Missionaren und half so, deren Gedankengut zu verbreiten, meint Fuminori.

Die Jesuiten hatten neben der Missionierung auch einen handelspolitischen Auftrag, Portugal und Spanien wollten neue Märkte erschließen. Die japanischen Regionalfürsten wiederum wollten unbedingt Feuerwaffen, die ihnen im Kampf um die Vorherrschaft im Lande einen bedeutenden Vorteil verschafften. In der Folgezeit wandten sich einige Fürsten dem christlichen Glauben zu, und befahlen sogar die Zerstörung von buddhistischen und schintoistischen Tempeln auf ihrem Gebiet.

Wer mehr über die Anfänge der Missionierung in Japan wissen möchte, kann einen ausführlichen Beitrag im englischen Wikipedia lesen.

Die Stadtbibliothek ist ein moderner heller Bau, mit einer hohen Kuppel, die getragen wird von vielen kunstvollen Holzverstrebungen, die sich auf Betonpfeiler stützen. Die hohe Decke und das Licht geben dem großen Raum eine luftige freie Atmosphäre.

Die Leseplätze haben den schönsten Ausblick, den ich bisher in einer Bibliothek gesehen habe!

Wir drehen noch eine Runde durch den Ort, schauen uns einen alten Friedhof an, einen Tempel und die katholische Kirche, die dem Pater Francisco de Xavier geweiht ist. Sie wurde allerdings erst nach der Öffnung Japans gebaut, als der Bann des Christentums längst wieder aufgehoben war.

Eigentlich wollte uns Fuminori in sein Lieblingslokal einladen, aber es ist an diesem Samstagabend ausgebucht. So beschließen wir diesen Tag bei einer selbst gebackenen Lasagne und viel Sake bei uns an Bord der Muktuk.
Am nächsten Tag müssen die beiden leider schon weiter. Wir verabreden mit Fuminori, ihn später einmal in Sasebo zu besuchen, wo er uns den berühmten Nationalpark der 99 Inseln zeigen möchte.

Reisterrassen und Untergrundchristen

Wir wollen auch ein bisschen was von der Umgebung sehen und fahren mit dem Bus in den weniger besiedelten Nordwesten der Insel. Wir wandern durch zwei Täler mit Reisterrassen, dazwischen vereinzelte Häuser. Alle zusammen bilden sie das Dorf Kasuga.
In diesen beiden Tälern erstrecken sich die Reisfelder von dem schmalen Uferstreifen bis in die Berge hoch. Um diese Jahreszeit, im Frühsommer, sind sie grün und größtenteils noch mit Wasser geflutet. Unser Wanderweg führt uns an den Feldern entlang, an einer alten Pferdetränke und einem Stall mit Rindern vorbei – das Wagyu-Rind von Hirado soll besonders gut sein – und zu einem kleinen Hügel hoch.

Dieser Hügel und der kleine Stein mit Dach darauf haben eine ganz besondere Bedeutung für die Christen, die zweieinhalb Jahrhunderte hindurch ihren Glauben im Verborgenen ausüben mussten.

Nach dem großen Shimabara-Aufstand von 1637 erreichte die bereits Jahre zuvor begonnene Christenverfolgung ihren Höhepunkt. Die Rebellion war eigentlich ein Bauernaufstand gegen die erdrückenden Steuern der Fürsten, wurde nach dessen Niederschlagung aber zum Vorwand genommen, viele der überwiegend zum Christentum übergetretenen Bauern aus der Region zu töten und von nun an jegliche Ausübung des Glaubens zu verbieten. Damit einher ging auch die bereits mehrfach erwähnte Abschottung des Landes. Erst nachdem Japan im 19. Jahrhundert die Grenzen für Ausländer öffnete und auch Vertreter der Katholischen Kirche wieder ins Land ließ, stellte man fest, dass in vielen entlegenen Dörfern und Inseln von Kyushu das Christentum im Untergrund ausgeübt und von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Die kleinen Gemeinden hatten keine eigenen Priester und bei der Ausübung ihres Glaubens verwendeten sie vordergründig Statuen, Symbole und Riten des Buddhismus und Shintoismus. Viele dieser Gemeinden der „Kakure Kirsihitan“, der Untergrundchristen, hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten bereits so weit von der Katholischen Kirche entfremdet, dass sie nach der Aufhebung des Bannes weiterhin unabhängig blieben.

2018 wurde bei der UNESCO dem Antrag Japans stattgegeben, die vielen Stätten der Untergrundchristen in der weiteren Umgebung von Nagasaki zum kulturellen Weltkulturerbe zu erklären. Dazu gehört auch das Dorf Kasuga mit den für die Untergrundchristen heiligen Plätzen. Auch eine unbewohnte kleine Felseninsel vor der Küste Hirados gehört dazu. Hier holten sich die Untergrundchristen das geweihte Wasser, das sie für ihre Reinigungsrituale verwendeten.

Am Ende unserer Wanderung erreichen wir das Gemeindezentrum von Kasuga. In einem Teil des Gebäudes befindet sich ein Café, im anderen ist eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Untergrundchristen eingerichtet. Einige wenige Begriffe aus dem Lateinischen wie „penitentia“ und „oratio“ haben die Zeit überdauert und einzelne Gerätschaften sind immer noch im Gebrauch: diese Peitsche, die den Jesuiten ursprünglich zur Geißelung diente, wurde von den Untergrundchristen für Reinigungsrituale verwendet, mit der Peitsche wurde das heilige Wasser in den Räumen verteilt.

Diese 16 Gebetstäfelchen, gehörten einer der beiden christlichen Gruppen von Kasuga und wurden, in einem Leinensack verborgen, regelmäßig in der kleinen Gemeinde herum gereicht.

Das Gemeindezentrum wird von einer Gruppe älterer Frauen und Männer betrieben, die den Besuchern bereitwillig von ihrer Geschichte und der ihrer Vorfahren erzählen. Leider steht die Sprachbarriere zwischen uns, sonst würden wir das Angebot sehr gerne annehmen und mit ihnen sprechen. So beschränken wir uns darauf, die Informationstafeln zu den Ausstellungsstücken durchzulesen und anschließend einen Grüntee in dem Raum zu trinken, der mit Tatami-Matten ausgelegt ist.

Nach einer Woche auf Hirado ziehen wir weiter und werfen bei der Ausfahrt einen letzten Blick auf das Schloss und die ehemaligen Niederländischen Handelsstation. Hirado wurde als „Westliche Hauptstadt Japans“ bezeichnet, wehrhaft und weltoffen zugleich. Diese beiden Gebäude stehen sinnbildlich dafür.

Omura Bucht

  1. Mai – 01. Juni 2023

Wir tuckern vorsichtig in Schlangenlinien zwischen kleinen Inselchen hindurch, vor uns liegt die engste Stelle der Einfahrt in die Omura Bucht. Darüber spannen sich gleich zwei Brücken, darunter ist das Wasser immer noch voller Wirbel, die jetzt bei Stillwasser zwischen Ebbe und Flut allerdings nicht ganz so stark ausfallen.

Dann hören wir aus der Ferne ein lautes Tuten. Ein Transportschiff kündigt sich an, das auch diese Passage nimmt. Wenig später sehen wir es auch, es ist groß und schnell, gleich wird es uns überholen – so wie es aussieht genau an der engsten Stelle vor den Brücken. Ich werde auf einmal ziemlich nervös, ob das mal alles gut geht. Mein Skipper bleibt ganz ruhig, da passen wir schon beide durch, meint er, keine Sorge. Was auch tatsächlich stimmt. Denn wenn das große Schiff das Kunststück gemeistert hat, den gewundenen Weg durch die Inseln zu finden, dann kann es sich auch mit uns durch die Brücke hindurch fädeln. Im Nu fährt es an uns vorbei und verschwindet in der Ferne!

Geschafft! Wir sind in der Omura Bucht! Eine Ruhe breitet sich aus, die Sonne scheint, das Wasser ist spiegelglatt, wir tuckern an kleinen Motorbooten vorbei, die Wochenendanglern darin winken uns fröhlich zu. In der Ferne erheben sich bewaldete Berge. Fast könnte man meinen, das hier wäre der Bodensee.

Als wir vor genau einem Monat während der „golden week“ mit dem Zug von Nagasaki zum Töpfermarkt nach Arita fuhren, ging die Strecke eine ganze Weile lang an einem Ufer entlang. War es ein Binnensee, eine Bucht? Ein Blick auf die Karte zeigte uns, dass es sich um die Omura Bucht handelte, die man wegen ihres schmalen Zugangs leicht für ein Binnenmeer halten könnte. Die Gegend sah so malerisch und hübsch aus, dass wir überlegten, später mit der Muktuk hierher zu kommen.

Wir fahren ein ganzes Stück in die Bucht hinein, bis zu einer kleinen Halbinsel, wo wir den Anker werfen. Hier wollen wir ein paar Tage lang bleiben. Gleich gegenüber an Land befindet sich ein großes Hotel und daneben ein etwas kleineres Gebäude mit einem Onsen, zu dem die Leute aus allen Himmelsrichtungen anreisen und den auch wir ein paar Mal aufsuchen wollen. Perfekt!

Blick vom Onsen auf die Muktuk.

Arita

Hier im nördlichen Teil der Omura Bucht sind wir ganz in der Nähe von Arita. Eine gute halbe Stunde Zugfahrt trennt uns nur von der berühmten Porzellanstadt.

Arita wirkt ganz ruhig und verschlafen ohne den Trubel des Töpfermarktes. Zuerst gehen wir zu einem kleinen Einkaufszentrum am Rande der Stadt „Arita Sera“ genannt.

In einem großen Hufeisen sind die Geschäfte angeordnet, alle bieten sie Porzellan und Keramik zum Verkauf an: Antikes und Neues, Traditionelles und Modernes. Viele schöne Stücke sind dabei, und viele davon leider auch unerschwinglich für uns.

In Zusammenarbeit mit einer örtlichen Porzellanmanufaktur haben Künstler und Designer aus aller Welt Geschirr entworfen. Der deutsche Designer Stefan Diez ist darunter, die schlichten weißen Formen der Schalen gefallen uns sehr, seine Ehefrau Stefanie Diez, eine Schmuckkünstlerin, hat Armbänder aus Porzellan gestaltet. Der japanische Künstler  Shigeki Fujishiro hat sich farbenfrohe und leicht windschiefe Kaffeekannen und Tassen ausgedacht.

Auf dem Weg zurück in die Stadt schauen wir bei einer Verkaufsstelle der besonderen Art vorbei: hier gibt es Ausschussware in rauen Mengen. In zwei großen Lagerhallen sind Holzkisten gestapelt, in denen sich tausende von Schalen, Tellern und Tassen befinden. Man kann einen der bereit stehenden Plastikkörbe füllen und zahlt dafür einen fixen Preis. Wir schauen uns um, heben ein paar Kisten hoch, suchen und finden aber nichts, was uns wirklich gefällt.

Viel spannender ist die Begegnung mit einer jungen österreichischen Künstlerin, die als „artist in residence“ drei Monate lang in dieser Manufaktur gearbeitet hat. Sie hat in dieser Zeit eine Teekanne entworfen und gelernt, was man alles beachten muss, um die richtige Form zu finden, wie man den Henkel und den Ausguss gestaltet, so dass sie stabil sind und nicht gleich abfallen. Das Schwierigste scheint mir, zu berechnen, wie sehr das Material beim Brennen schrumpft und wie sich die Form dann verändert. In Arita hat sich inzwischen eine fast schon industriell anmutende Arbeitsteilung etabliert, erfahren wir. Einzelne Betriebe haben sich auf die Produktion von Formen spezialisiert, anderen aufs Brennen und Glasieren und andere wieder beschäftigen Leute, die die kunstvollen Motive aufbringen.

Nach einer kurzen Mittagspause steht das Kyushu Keramikmuseum auf dem Programm. Alle Informationen und Beschriftungen sind zweisprachig in Japanisch und Englisch und unter anderem in übersichtlichen Schautafeln präsentiert. Gleich im ersten Saal laufen in einer Dauerschleife Animationen, die den Entstehungsprozess der Glasur und der traditionellen Muster zeigen – als Projektionen auf der Wand und auf einer überdimensionierten Schale.

Diese Animationen haben eine verblüffende Wirkung, sie lenken unseren Blick auf viele Details und schärfen ihn. Nun sehen wir die in den nächsten Sälen ausgestellten Porzellanwaren viel genauer an, erkennen Unterschiede und Feinheiten viel besser.

Das Kyushu Keramikmuseum, 1980 gegründet, beherbergt eine beeindruckende Sammlung an Alltagsgegenständen aus Keramik und Porzellan, beginnend mit der Produktion der koreanischen Porzellanmeister, die als Kriegsbeute gegen Ende des 16. Jahrhundert nach Japan gebracht wurden. Einige dieser koreanischen Kunsthandwerker wurden in Arita angesiedelt. Nur wenige Jahre später, 1616, entdeckten diese Meister in den Bergen im Osten der Stadt Steine, die reich an Kaolin und anderen Mineralien waren, die für die Herstellung von hochwertigem Porzellan benötigt werden. Nun war die Produktion von Porzellan für die nächsten Jahrhunderte gesichert, die Herstellungsprozesse wurden verbessert und verfeinert und Arita entwickelte sich zum bedeutendsten Ort für Porzellan in ganz Japan.


Miniaturmodell eines Hang-Ofens mit aneinander gereihten Brennkammern

Mitte des 17. Jahrhunderts konnte und durfte wegen politischer Unruhen kein Porzellan aus China exportiert werden. Um den europäischen Markt weiter mit dem begehrten Porzellan zu versorgen, wurde in Arita die Produktion hochgefahren. Jetzt mussten sich die Porzellanmeister auch mit ihnen bisher unbekannten Formen beschäftigen, wie Kaffeekannen und Weinkaraffen, Salzstreuern und Senftöpfchen. Auch wurden andere Muster verwendet, nicht nur die auf Kobalt basierenden blauen Töne waren gefragt, auch die an die chinesischen Muster angelehnten vielfarbigen Motive wurden nun auf die Porzellanwaren gemalt – und in Europa dann oft noch mit Goldverzierungen ergänzt.

Vom nächstgelegenen Hafen in Imari wurden die Porzellanwaren nach Nagasaki gebracht und dort auf die hochseetauglichen Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie umgeladen. So wurde Porzellan aus Arita nach und nach weltberühmt und blieb es auch, als China wieder Porzellan exportierte.

Den Grundstock für das Museum bilden zwei Schenkung von Privatsammlungen: Kanbara Hakaru (1896-1987) sammelte Arita Porzellan aus allen Teilen Europas, also Stücke, die überwiegend für den Export hergestellt wurden; während sich die Sammlung des Ehepaars Akihiko und Yuko Shibata auf Arita Porzellan aus der Edo Periode (1603-1868) konzentrierte, das in Japan genutzt wurde.

Es gibt immer noch Manufakturen in der Stadt, die die traditionellen Formen und Muster fortführen, andere wiederum produzieren Essgeschirr für ein jüngeres Publikum, der Markt hat sich verändert. Nun wird zum Beispiel für Sternelokale in Tokio oder Kyoto sogenanntes „fine dining“ Geschirr in modernem Design hergestellt, wie in dieser Fernsehdokumentation zu sehen ist.

Ein anderer Saal zeigt großformatige Vasen von zeitgenössischen Künstlern und Designern, alles Unikate.

Unser absolutes Lieblingsstück entdecken wir in der Vitrine, wo einige Neuerwerbungen des Museums ausgestellt sind. Es ist ein nicht näher datierter Teller aus dem 18. Jahrhundert aus der Gegend von Hizen.

Auch die Gebrauchskeramik in den Toiletten ist in den typischen Arita-Mustern gestaltet, ebenso wie die Lichtschalter.

Und im Hof des Keramikmuseums steht ein großer Porzellanvogel auf einem Springbrunnen. Es ist ein Geschenk der Partnerstadt Meißen von 1987 und die Nachbildung einer Figur, die von einem der berühmtesten Meißner Künstler, Johann Joachim Kändler (1706-1775), entworfen wurde.

Zuletzt finden wir noch das berühmte „Arita Café“. Als Blickfang steht vor dem Gebäude ein Mini, der mit den unverwechselbaren Mustern des Arita Porzellans bemalt ist.

Im Café sind auf durchsichtigen Regalen hunderte von Kaffeetassen ausgestellt. Keine davon soll doppelt vorhanden sein. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich davon eine aussuchen und daraus ihren Kaffee trinken!

Auch hier gibt es einen Ausstellungsraum, darin eine dieser riesigen Vasen, die mich deutlich an Größe übertrifft.

Takeo Onsen

Die darauffolgenden Tage sind grau und regnerisch. Wir bleiben daheim im gemütlichen Boot und gehen höchsten mal raus zu einem Besuch im wärmenden Onsen.
Aber mit der Sonne kommt auch unsere Unternehmungslust wieder zurück: Unser Ankerplatz in der Omura Bucht liegt so günstig, dass von hier aus auch Takeo Onsen in einem Tagesausflug leicht erreichbar ist. Wie der Beiname „Onsen“ schon sagt, gibt es in diesem Ort etliche heiße Quellen und dazu schöne Parks, in denen die Touristen vor und nach dem Besuch in einem der heißen Bäder spazieren gehen können. Das alles interessiert uns dieses Mal nicht so sehr, wir wollen statt Porzellan zur Abwechslung mal wieder Keramik sehen.
Wir hatten ein Prospekt mit einer umfangreichen Liste von Keramikern aus dieser Gegend gefunden. Einige von ihnen würden wir sehr gerne in ihren Ateliers besuchen. Diese Töpfereien befinden sich allerdings alle auf dem Land außerhalb der Stadt. Am Bahnhof leihen wir uns Fahrräder aus und fahren los in die Pampa. Wir sind froh, dass wir E-Bikes bekommen haben, damit kommen wir viel schneller und bequemer durch die hügelige Landschaft.
Um zur ersten Adresse zu gelangen, biegen wir von der dicht befahrenen Hauptstraße ab und befinden uns auf einmal mitten in grünen Reisterrassen.

Google Maps leitet uns durch ein kleines verschlafenes Dorf und weiter in den Wald. Dort steht ein kleines verwunschenes Häuschen, mit ein paar Hortensien davor, im intensivsten Blau. Nur leider ist niemand da, der auf unser Klingeln und Klopfen reagiert. Wir sind ja auch nicht angemeldet! Unser Japanisch ist noch viel zu schlecht, um damit telefonieren zu können und Email-Adressen hatten wir keine gefunden.

Weiter geht’s, zurück zur Hauptstraße, in den nächsten Ort. Auch bei dieser Adresse stehen wir vor verschlossenen Türen und können nur durchs Schaufenster eine wunderschöne Sammlung von Vasen in allen Größen und Formen bewundern. Als wir die kleine Straße den Hügel wieder hinauf fahren, entdecken wir zur Linken ein Hinweisschild auf eine andere Töpferei. Wir stellen die Räder ab und gehen in den Hof, wo uns eine Frau freudig überrascht begrüßt. Unerwartete Besucher! Sie führt uns in den Schauraum der Töpferei, die sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt, und zeigt uns auch den angrenzenden Lagerraum, bevor sie kurz verschwindet, um für uns einen Grüntee zuzubereiten. Im Lagerraum sind ringsum tiefe Regale aufgestellt, ein weiteres in der Mitte. Hier verlieren wir uns im Schauen, so viele verschiedene Schalen und Vasen stehen hier und nicht wenige, die uns sehr gut gefallen und dazu noch erschwinglich sind!

Auch wenn wir inzwischen wissen, dass wir die doppelte der üblichen Gepäckmenge für den nächsten Heimflug zur Verfügung haben, nämlich insgesamt rund 100 kg, so können wir doch nicht unbegrenzt einkaufen. Wir beraten lange hin und her, welche der vielen schönen Vasen wir mitnehmen wollen. Die größte lassen wir dann doch da, wer weiß, ob sie den Flug unbeschadet überstehen würde.

Die nächste Töpferei befindet sich noch weiter weg von Takeo Onsen, der Weg dorthin führt uns wieder an Reisfeldern vorbei, durch kleine Wäldchen hindurch, das letzte Stück fahren wir auf einem unbefestigten Schotterweg. Zwar ist der Keramiker selbst nicht da, er bereitet gerade eine Ausstellung in Kyoto vor. Aber das ältere Ehepaar, das in der Nähe Unkraut jätet, unterbricht seine Arbeit. Es sind seine Eltern. Sie schließen die Galerie auf und zeigen uns mit sichtlichem Stolz die beiden Räume, in denen wunderschöne edle Einzelstücke ausgestellt sind!

In einer anderen Töpferei dürfen wir zuschauen, und mit der Zustimmung des Meisters filmen, wie er an der Drehscheibe einen Becher nach dem anderen formt. Überall in der Werkstatt sind die fertigen Stücke zum Trocknen aufgestellt.

Kurz vor 17.00 Uhr bringen wir die Fahrräder rechtzeitig zurück. Die junge Frau, die sie wieder in Empfang nimmt, ist sichtlich beeindruckt über den niedrigen Stand der Akkus. So weite Strecken fahren wohl die wenigsten. Wir jedenfalls sind nach diesem Tag begeistert davon, wie viel angenehmer man mit einem E-Bike unterwegs ist. Eine so lange Strecke mit so vielen Steigungen hätten wir niemals an einem Tag geschafft.

Wie in so vielen Bahnhöfen, die wir bisher in Japan gesehen haben, ist praktischer Weise alles an einem Ort versammelt: das Büro der Touristeninformation, wo man auch die Fahrräder ausleihen kann, ein Imbiss für ein schnelles Mittagessen, ein Obst- und Gemüsestand und sehr häufig auch ein Verkaufs- und Ausstellungsraum mit einer Auswahl an örtlichem Kunsthandwerk: in Takeo Onsen eben Keramiken von den Töpfereien aus der Umgebung. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, auch hier noch einmal zwei, drei Stücke zu kaufen. Sie sind einfach zu schön!

Nebenan befindet sich ein heller Aufenthaltsraum, in dem Schulkinder auf den Zug warten. Sogar hier ist Keramik ausgestellt!

Hölle und Fußbäder

Unzen und Obama Onsen 21. – 22. Mai 2023

Unzen, ein kleines Dorf in den Bergen voller Thermalquellen, war schon seit 1868 ein beliebter Badeort. Seit 1910 wurde es auch bei ausländischen Besuchern immer bekannter und so entstand hier eine touristische Infrastruktur mit Hotels und regelmäßigen Busverbindungen.

Weil Unzen Onsen im Landesinneren der Shimabara Halbinsel liegt, und wir unsere Muktuk nur schwer im Bus mitnehmen können, wollen wir sie für eine Nacht alleine lassen und uns in einem traditionellen japanischen Gasthaus, einem „Ryokan“ einquartieren. Wir haben schon viel darüber gehört und gelernt, wie es dort zugehen soll: wie in den Zimmern am Abend das Futonbett auf den Tatami-Matten ausgerollt wird, wie man nach dem abendlichen Bad im Bademantel zum gemeinsamen Abendessen erscheint etc.


Nur leider: weil es so viele Regeln zu beachten gibt, sind diese Gasthäuser sehr zögerlich, Nichtjapaner als Gäste willkommen zu heißen. Sie werden wohl in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir wurden jedenfalls aufgrund unserer mangelnden Japanisch-Kenntnisse als Gäste abgelehnt. Schade – in genau so einem Gasthaus hätten wir uns gerne einquartiert. Das ist ein wenig wie bei Groucho Marx, der auch keinem Club angehören wollte, der ihn als Mitglied aufnehmen würde.

Wir landen aber bei einem gar nicht so schlechten Kompromiss, indem wir ein Zimmer im japanischen Stil mit Tatami-Matten, ausgerollten Futons und sogar Seeblick finden, aber ohne Verpflegung im Hotel.

An heißen Quellen mangelt es diesem Ort wahrhaftig nicht. Über ein Dutzend öffentlicher Bäder stehen zur Auswahl, dazu kommen noch etliche Hotels, die über eine eigene Thermalquelle verfügen. Mitten im Ort gibt es ein aktives Fumarolenfeld, das auf Japanisch „Hölle“ (jigoku) genannt wird, denn überall dampft und blubbert es aus dem kargen Geröll und die Luft ist von Schwefelgeruch erfüllt. Die Hölle war es auch während der Christenverfolgung zwischen 1627 und 1631, als hier christliche Märtyrer mit dem 98°C heißen Wasser zu Tode gefoltert wurden. Heute spazieren aber die Touristen unbehelligt auf Bohlenwegen durch das Gelände, und in den Bädern wird das heiße Wasser auf angenehme 42°C heruntergekühlt.

Auf dem Rückweg machen wir noch Station in Obama Onsen, einem Thermalbad an der Küste, das aus derselben Magmakammer wie Unzen Onsen gespeist wird. Weil der Dampf aber auf dem Weg zur Oberfläche andere Gesteinsschichten durchquert, enthält das Wasser weniger Schwefel, dafür mehr Chlorsalze. In Obama Onsen (der Name hat nichts mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten zu tun) gibt es die Tradition, sein Essen im Dampf der heißen Quellen zu garen. Es gibt sogar eigene öffentliche Küchen zu diesem Zweck, wo man seine Zutaten selbst mitbringt, um sie dann dort zu dämpfen und zu essen.

Wir haben Zeit, uns ein wunderbares Museum über die Geschichte des Badeortes anzusehen, das uns allein schon durch seine Architektur und seinen herrlichen Blumengarten begeistert.

Zum Ausklang des Tages gönnen wir uns noch eine Besonderheit von Obama Onsen, die bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt ist: den Besuch des 105 Meter langen öffentlichen Fußbads an der Strandpromenade. Man muss ja nicht immer gleich die Seele baumeln lassen, manchmal tun’s auch die Füße.

Tomodachi – Freunde in Kuchinotsu

Mai 2023

Ein weiterer Grund, weshalb wir ein paar Tage länger in Kuchinotsu verbringen wollten, waren die vielen herzlichen Menschen, die wir beim ersten Mal kennen gelernt hatten und die wir noch einmal treffen wollten.

Zur Erinnerung: Etwa drei Wochen zuvor hatten wir Kosei getroffen, der mit seinem Segelboot unterwegs nach Okinawa war. Er empfahl uns, unbedingt einige Tage in Kuchinotsu zu verbringen, und bat seinen Bruder Eiji sowie seinen Segelfreund Yamamoto, sich um uns zu kümmern. Yamamoto wiederum brachte seinen Sohn, Yamamoto Jr., zur Begrüßung mit. Wir saßen dann bei Kaffee und Keksen im Boot und lernten uns erst einmal kennen.

Yamamoto Sen. ist Kartoffelbauer und Segler. Als wir ihm erzählten, dass die Kartoffeln in Deutschland ein Grundnahrungsmittel seien, so wie der Reis in Japan, und dass wir ganz begeistert wären, wie gut die Kartoffeln auf den Inseln Okinawa und Okinoerabu schmeckten, nickte er zustimmend und erfreut: „So, so!“. Um die 20 Tonnen habe die letzte Ernte auf seinen Feldern betragen. Tags darauf bekamen wir eine große Kiste mit Kartoffeln geschenkt – so viele, dass wir damit sicherlich bis in den Sommer auskommen werden!

Yamamoto Jr. erzählte, dass seine Familie seit acht Generationen in dieser Region leben würde und seine Vorfahren ursprünglich von der Seto Inland See hierher kamen. Durch Kriege, Aufstände und die Christenverfolgung waren gegen Ende des 17. Jahrhunderts viele Menschen umgekommen und ganze Landstriche von Kyushu entvölkert, so dass die Fürsten um Bauern aus anderen Teilen Japans warben.

Eiji, der Bruder von Kosei, war früher bei der Stadtverwaltung von Shimabara für das Schlossmuseum zuständig, als Rentner arbeitet er nun freiberuflich für die regionale Zeitung und ist .u.a. Mitglied der Vulkanologischen Vereinigung. Ein naheliegendes Interesse, denn der Vulkan hier in der Nähe spuckt regelmäßig alle paar Jahrzehnte Rauch und Lava.


Eiji-san und Yamamoto-san

Am Sonntagvormittag, am Tag nach dem Fischfang-Festival, kam Eiji eigens noch einmal von Shimabara nach Kuchinotsu, denn Yamamoto Sen. hatte uns alle in ein Café eingeladen, wo wir auch eine gute Freundin von ihm trafen: Shu-san. So saßen wir in dem gemütlich eingerichteten „Café Bremen“, das mit vielen Bilder der vier Bremer Stadtmusikanten geschmückt war.


Der Inhaber des Café Bremen

Frau Shu zeigte uns anschließend ihren schönen, im japanischen Stil angelegten Garten und wir verabredeten, dass wir uns nach unserer Runde durch die Ariake See noch einmal alle in Kuchinotsu wiedersehen wollten.


Shu-san in ihrem Garten

Yamamoto-san, Andreas-san, Shu-san und Eiji-san

Als wir – wieder bei strömendem Regen – ein zweites Mal in Kuchinotsu ankamen, fuhren wir mit Eiji und seiner Frau zu einem Mittagscafé, wo Frau Shu bereits auf uns wartete. Wie sich herausstellte, war der Koch und Inhaber des Cafés ein ehemaliger Segler, der 17 Jahre lang mit seinem Boot unterwegs war, davon längere Zeit auch im Mittelmeer. Das erklärte auch die italienisch-griechisch anmutende Einrichtung und vor allem die köstlichen Spaghetti-Saucen!

Shu-san betreibt hauptberuflich die Tankstelle gleich gegenüber des Hafens. Nebenbei ist sie eine passionierte Musikerin und spielt mit Hingabe Mundharmonika. Wir beschlossen den Nachmittag bei uns an Bord mit Kaffee und Apfelkuchen und bekamen von Shu-san ein Privatkonzert geboten. Sie legte eine CD mit Begleitmusik ein und spielte auf ihren verschiedenen Harmonikas die Titelmelodie: japanische Schlager aus den 1960er Jahren, traditionelle japanische Lieder und auch „Edelweiß“ aus dem in Japan so berühmten Hollywood-Film „Sound of Music“ von 1965.

Danach holte Andreas unsere Gitarre, drückte sie Eiji in die Hand und wir sangen alle zusammen noch ein paar Lieder. „Arigato gosaimasu! Vielen Dank für die schöne gemeinsame Zeit!


Eiji-san mit seiner Ehefrau bei uns auf der Muktuk

An einem der ersten Abende in Kuchinotsu fanden wir ein Sushi-Lokal, das vom Ehepaar Kodama betrieben wird. Wir saßen an der Theke in dem kleinen heimeligen Raum und schauten ratlos auf die Karte, denn unser Übersetzungsprogramm konnte die handgeschriebenen Zeichen nicht gut entziffern. Kurzerhand rief die Dame des Hauses ihren Sohn an, der mit seiner Familie zwölf Jahre lang in den USA bzw. Kanada gelebt und gearbeitet hatte. Er und seiner Tochter, beide fließend Englisch sprechend, übersetzten dann den ganzen Abend geduldig und bereitwillig, wenn die Mama bzw. Oma immer wieder anrief, sobald wir mit dem Übersetzungsprogramm nicht weiter kamen. So durften wir wieder gleich eine ganze Familie kennen lernen. Bevor wir heim gingen, packten sie uns eine Teetasse aus Keramik ein, die sie vor gut 40 Jahren zur Eröffnung ihres Restaurants hatten anfertigen lassen.


Das Ehepaar Kodama in ihrem Sushi-Restaurant

Das Außenfenster des Sushi-Restaurants bei Nacht

Am nächsten Morgen kamen die beiden kurz zur Muktuk, um sich mit eigenen Augen von dem zu überzeugen, was wir am Vorabend erzählt hatten. Als wir sie um das Rezept ihrer Miso-Suppe fragten, die so gut und ganz anders geschmeckt hatte, als die, die wir bisher kannten, bat sie wieder ihren Sohn, uns zu erklären, wie das geht. Aber das schien ihnen nicht sicher genug, so dass sie noch einmal vorbei kamen und uns alle notwendigen Zutaten brachten, eine spezielle Miso-Sorte, Algen und außerdem noch ein Päckchen mit Äpfeln, die hier in Japan ein kleines Vermögen kosten.

Als wir wieder in Kuchinotsu waren und noch einmal zum Sushi-Essen zu ihnen gingen, brachte ich als kleines Dankeschön für die vielen Gaben ein Glas von der Orangenmarmelade mit, die ich aus den hiesigen Bitter-Orangen (einer Kreuzung aus Orange und Grapefruit) gekocht hatte. Und am nächsten Tag, als wir von unserer Wanderung zurück kamen, hing eine Tasche an der Reling und darin ein kleines Mobile aus gefalteten Kranichen mit einem lieben Gruß von ihnen. Die Kraniche hängen nun bei uns in der Messe neben dem Kolibri aus Oaxaca. Sie werden uns jedes Mal an diese liebenswürdigen Menschen erinnern und sie werden uns ganz gewiss viel Glück auf unserer weiteren Reise durch Japan bringen!

„Kuchinotsu olle“

20. Mai 2023

Unsere Rundreise durch die Ariakesee beendeten wir an unserem Ausgangspunkt, in Kuchinotsu. Ich wollte den Ort unbedingt einmal mit Sonne erleben, nicht nur bei strömendem Regen und grau verhangenem Himmel. Die Regenzeit schien in diesem Jahr sehr früh begonnen zu haben. Bereits Mitte Mai waren die sonnigen Tage rar und jeder einzelne Sonnentag wurde von uns gefeiert.

Eine große Informationstafel am Hafen versprach eine reizvolle Rundwanderung um eine kleine Halbinsel, unter dem lustigen Namen „Kuchinotsu Olle“.

Vom Fährhafen aus folgten wir der rot-blauen Markierung. Nach einem kurzen Aufstieg durch enge Gassen und am großen Tempel vorbei, erreichten wir das erste Waldstück. Von hier oben konnte man fast das gesamte Hafenbecken überblicken.

Als wir aus dem Wald heraus kamen, lag vor uns ein offenes Plateau mit sanften Hügeln. Abwechselnd ging es auf breiten Wegen und schmalen Pfaden zwischen Feldern hindurch, auf denen Eisbergsalat und Brokkoli angebaut wurden. Manche Felder sind offensichtlich nicht abgeerntet worden, der Brokkoli war bereits ausgewachsen und zeigte gelbe Blüten.

Immer mal wieder stand am Wegesrand ein Stein mit einer Inschrift, ein kleiner überdachter Schrein oder ein rotes Torii.

Von den Feldern aus konnte man am Ufer ein kleines Dorf sehen und über die Meeresenge hinweg die Küste der Insel Amakusa erkennen.

Etwa auf halber Strecke entdeckten wir einen kleinen Park mit Tischen und Bänken, direkt am Meer gelegen, perfekt für eine Mittagspause. Und daneben wieder eine Andachtsstätte.

Am steinigen Ufer waren ein paar Leute damit beschäftigt, Algen zu ernten, die anschließend von den kleineren Booten in größere geschaufelt wurden.

Auf dieser Plattform hatte man einen herrlichen Ausblick aufs Meer und den Leuchtturm, der weit ins Meer hinein gebaut war.

Wieder ging es auf schmalen Wegen dieses Mal an Kartoffelfeldern vorbei und noch einmal runter zum Meer zu einem anderen Strandabschnitt.

Hier kraxelten wir über große Steine und beobachteten ältere Menschen, die am Ufer im Wasser wateten. Als wir näher kamen, sahen wir, dass sie im mitgeführten Netz bereits eine ganze Menge von den schwarzen stacheligen Seeigeln gesammelt hatten.

Das letzte Stück unserer Wanderung führte erneut durch einen kleinen Wald, und später vorbei an Häusern mit Blumengärten und in denen Bäume voller Früchte standen.

Überall, noch auf der kleinsten freien Fläche wird Gemüse angebaut!

Über diese rote Brücke gelangten wir schließlich zur Uferstraße, die uns zurück zum Hafen brachte.

Kashima und Tara – der Tag der roten Tore

15. Mai 2023

Sake, Samurai und den größten Inari-Schrein von Kyushu – das alles gibt es in Kashima zu sehen. Allerdings ist es mit dem Boot unmöglich, direkt zu diesem Städchen zu fahren. Im nördlichen Teil der Ariake-Bucht, wo Kashima liegt, beträgt der Tidenhub bis zu 6 Meter und bei Ebbe fällt eine große weite Wattfläche trocken.

Also suchen wir den nächstgelegenen Hafen, wo wir die Muktuk parken können. Von Kumamoto aus tuckern wir einmal quer über die Bucht nach Hizen-O-Ura. Die Schwimmstege hier sind mit zwei großen Arbeitsschiffen belegt, aber im großen Hafenbecken ist ausreichend Platz zum Ankern. Hizen-O-Ura ist ein ruhiger kleiner Ort mit einem Supermarkt, einem Hotel, und vier Restaurants, von denen zurzeit nur eines in Betrieb ist. Im Hotel am Hafen dürfen wir den hauseigenen Onsen benutzen – außerhalb der Reisesaison haben wir das Bad ganz für uns, mit Blick aufs Meer und die Muktuk.

Von Hizen-O-Ura fahren fast stündlich Züge nach Kashima, in weniger als einer halben Stunde sind wir da. Fünf Minuten zu Fuß vom Bahnhof Kashima finden wir die Häuser, in denen früher die Samurai gelebt haben. Alle Gebäude sind sorgfältig renoviert worden, eine ganze Straße davon ist erhalten geblieben. Samurai gibt es schon lange nicht mehr, dafür beherbergen die alten Häuser heute Sake-Brauereien, auch finden wir einen Betrieb, in dem feine Soja-Sauce hergestellt wird.

Touristen sind wenige unterwegs an diesem Montagvormittag und wir scheinen die einzigen Ausländer hier zu sein. Am Ende der Straße entdecken wir einen Laden, der Touristeninformation, Andenkengeschäft mit lokalen Produkten für die obligatorischen Mitbringsel sowie Schaubrauerei in einem ist. Wir kommen nicht umhin, zwei Schluck Sake zu probieren sowie Sake-Bonbons und Nori-Blätter mitzunehmen.

Unterwegs zum Inari-Schrein, der weit draußen am Rande der Stadt fast schon in den Bergen liegt, gibt es viel zu sehen. Wir gehen ein Stück am Fluss entlang, entdecken einen verwunschenen kleinen Schrein auf einer Anhöhe, sehen wieder schöne freistehende Häuser im traditionellen Stil mit kunstvoll zurecht gestutzten Bäumen und Steingärten, kommen an einem kleinen Friedhof vorbei, der mit interessanten Statuen versehen ist. Und überall diese wunderbaren Blumenbeete und Sträucher.

Bevor man zum Schrein kommt, wird man durch eine Straße mit Andenkenläden und Restaurants geführt – vor der Pandemie sollen drei Millionen Menschen jährlich die Anlage besucht haben.

Neben dem Schrein entdecken wir ein Schild mit dem Hinweis auf einen Japanischen Garten. Hinter einer hohen dichten Wand aus Bambus versteckt sich ein wunderschöner kleiner Park, dessen Gestaltung sich an den Lauf eines Bächleins anpasst. Die rote Brücke ist ein toller Blickfang und ein starker Kontrast zum satten Grün der Pflanzen drum herum.

Der Inari-Schrein, auf hohen Stelzen an den Berg gebaut, erhebt sich hinter dem nicht minder imposanten Eingangstor – es ist die drittgrößte Anlage dieser Art in Japan.

Vom geräumigen Innenhof steigen wir die Treppen zum Hauptschrein hoch. Dort kann man Münzen in ein Kästchen werfen und sich in ein kurzes stilles Gebet versenken. Hier wird die in Japan sehr beliebte Göttin Inari angerufen, die Menschen bitten um Glück, Kindersegen, beruflichen Erfolg und sichere Reise.

Auf einem Schild erkennen wir neben den japanischen Schriftzeichen nur den Hinweis: 300 Meter. Damit sind Höhenmeter gemeint, wie wir irgendwann feststellen. Diese muss mach überwinden, wenn man vom Hauptschrein zum Okunoin Schrein ganz oben auf dem Berg pilgern möchte. Der Weg führt durch mehrere lange Tunnel aus roten  Torii durch. Am Wegrand stehen viele schier unübersichtlich angeordnete Andachtsstätten: von einem riesigen Stein, der mit Tüchern und einem Torii gekennzeichnet ist, bis zu einer kleinen Statue mit einem rot angemalten Miniaturschrein davor, sind alle Größen und Varianten vorhanden. Wir bleiben immer mal wieder stehen, um Fotos zu machen und Luft zu holen, der Weg ist teilweise wirklich sehr steil.

Zurück auf Tempel-Normalnull schauen wir noch im Museum vorbei. Dort sind die Schätze der fürstlichen Familie Nabeshima ausgestellt. Ein ganzer Raum widmet sich Kazanin Manko-hime, der Ehefrau des Fürsten Nabeshima Naotomo, die bereits zu Lebzeiten für ihre Güte und ihre Dichtkunst gerühmt wurde. Ihr zu Ehren baute der Fürst 1687 diese ganze Anlage und einen Blumengarten mit Teich dazu. Der Garten stellt in Miniaturform die Gegend von Kyoto nach, aus der die Fürstin stammte; damit wollte der Fürst ihr Heimweh etwas lindern.

Nach einem langen Fußmarsch zurück in den Ort, finden wir in diesem Holzhaus ein Restaurant mit einer Auswahl an köstlichen Mittagsmenüs. Inzwischen haben wir gelernt, wie man mit Stäbchen einen gekochten Fisch zerlegen und essen kann, auch wenn wir diese Kunst noch lange nicht so souverän beherrschen wie die vier Damen am Nebentisch, die für eine Weile ihre fröhlichen Gespräche unterbrechen, um sich konzentriert ihrem Fisch zu widmen.

Auf dem Rückweg machen wir einen Zwischenstopp in Tara. Hier sind rote Torii-Tore vom Ufer bis ins Meer hinein aufgestellt. Bei Niedrigwasser fallen sie trocken und man kann durch sie hindurch spazieren.