Über die Linie

wolken

Vor zwei Tagen waren wir keine 50 Meilen mehr vom Äquator entfernt. Die Windvorhersage lautete SE, so dass wir bequem unserem Generalkurs SW folgen können sollten. Aber zu früh gefreut: Der Wind kam aus SSW, und so mussten wir jede Meile Süd, also Richtung Äquator, hart erkämpfen. Die vielen Stunden Flaute zwischendurch, in denen wir mit schlagenden Segeln auf jede nutzbare Brise warteten, halfen auch nicht gerade. Aber die See ist sehr ruhig, und selbst beim kleinsten Windhauch läuft Muktuk wie auf Schienen – wenn auch Richtung Westen.

Vor einem Tag waren wir keine 32 Meilen mehr vom Äquator entfernt. Wir sind noch im Einflussbereichs des Humboldt-Stroms, eine kalte Strömung, die die Küste Chiles heraufkommt. Das Wasser hat nur 22°C, entsprechend ist es zumindest nachts so kalt im Boot, dass wir uns für unsere Nachtwachen mit langen Hosen, Unterhemden und Socken einpacken. Sollte man am Äquator eigentlich nicht denken, oder? Trotz „Kälte“ und Feuchtigkeit sitze ich in der ersten Nachtwache an Deck und bewundere den Sternenhimmel mit seinen noch unvertrauten Sternbildern – das Kreuz des Südens, den Zentaurus, den Skorpion. Sobald der Mond untergegangen ist und alle Sterne und die Milchstrasse klar herauskommen, ein herrlicher Anblick. Um Mitternacht will ich noch gar nicht schlafen gehen, aber ich weiss wie müde ich in drei Stunden sein werde, wenn meine nächste Wache anfängt. Viel zu tun gibt es in den Wachen freilich nicht, das letzte Schiff haben wir vor etlichen Tagen gesehen.

grapefruits

Heute mittag sind wir keine 13 Meilen mehr vom Äquator entfernt. Wir rechnen, ob wir die Linie heute noch, und wenn dann wann, erreichen. Der Morgen hat uns mit wolkenlosem Himmel empfangen (die letzten Tage war es viel bedeckt), so dass im Augenblick das Deck voller Matratzen, Kopfkissen, Laken und Handtüchern ist, um die Feuchtigkeit ein wenig herauszubekommen. Birgit sortiert wie jeden Tag die verdorbenen Zitrusfrüchte aus, Säcke voll mit Grapefruit, Orangen und Limetten brauchen eben Pflege. Ich erledige ein paar kleinere Reparaturen. Nach schon drei Tagen ohne Fisch an der Angel (wir sind einfach zu langsam) haben wir bald wieder richtig Lust auf Sushi. Aber noch haben wir reichlich Vorräte an Gemüse, Salat, Obst und Fleisch, dass wir nicht auf den Fangerfolg angewiesen sind.

Und schliesslich ist es soweit: um 19:50 Bordzeit (01:50 UTC) springt die Anzeige am GPS von N auf S, wir springen über die Linie und sind im Südpazifik.

linie

Lichtermeer

6. April 23h Bordzeit. Unsere zweite Nacht auf See. Noch haben wir unseren Wachrythmus, der die nächsten Monate unseren Tagesablauf bestimmen wird, nicht verinnerlicht. Noch sind wir nicht eingeschaukelt (durchgeschaukelt aber schon), aber dank des sehr rolligen Ankerplatzes in Panama City schon ein wenig an die Bewegungen gewöhnt.

Überhaupt Panama City. Ist das wirklich erst zwei Tage her? Die Hektik der Stadt, die Großeinkäufe in den Supermärkten, den Fleischhallen und Gemüsemärkten, die vergeblichen Versuche, unsere Gasflaschen füllen zu lassen (aus ?Sicherheitsgründen? mussten wir neue kaufen), die zig Dinghifahrten, um die Wasser- und Dieseltanks eimer- bzw. kanisterweise aufzufüllen? Säckeweise Grapefruits, Orangen und Limetten, eimerweise Gemüse, Halbjahresvorräte an Bier Klopapier etc. stellen selbst für die Staumöglichkeiten auf der Muktuk eine Herausforderung dar. Birgit kocht mehrere Dutzend Gläser mit Sugo, Rouladen und Gulasch aus diversen Vierbeinern ein, auch die finden noch ihr Stauplätzchen. Wir arbeiten bis zum Umfallen.

schweine

sack

Eigentlich wollten wir es ja etwas ruhiger angehen lassen, uns Zeit für Panama nehmen, den FAJOs als Linehandler durch den Kanal helfen und ein paar Tage auf den Las Perlas Inseln ausruhen, aber daraus wurde alles nichts, denn laut metbob.com, dem Wetterguru des Südpazifiks hat sich seit vorgestern ein Wetterfenster aufgetan, das uns angeblich bis zu den Galapagos-Inseln und vielleicht darüber hinaus segelbare Winde beschert ? vorausgesetzt man kommt Anfang der Woche los.

Nachdem wir bis zu den Passatwinden auf ca. 10°S nicht nur die „Intertropische Konvergenzzone“ (grob gesagt am Äquator), sondern auch noch die „Südpazifische Konvergenzzone“ durchqueren müssen, beide mit Flaute, unwetterartigen Regenfällen mit und ohne Gewitterböen, und dafür einige Tage Fahrt unter Maschine einplanen müssen (und nicht beliebig viel Diesel haben) , wollten wir dieses Wetterfenster natürlich nutzen. Deshalb die ganze Hektik. Warten wir mal ab, ob das Wetter denn auch so kommt wie bestellt.

Die zweite Nacht auf See also, sehr müde, denn die erste Nacht war mit 6 Windstärken etwas ungemütlich, und tags ist es zum Schlafen einfach zu heiß. Heute dümpeln wir in nahezuer Flaute, Muktuk rollt von einer auf die andere Seite in der Dünung, die Segel schlagen, aber wir wollen sie nicht bergen, denn wir brauchen jeden Windhauch. Soviel zum Wetterfenster?

Aber dafür gibt es heute Nacht ein ganz großartiges Geschenk. Wir haben ja schon ein paar Male Meeresleuchten erleben dürfen, und es ist jedesmal wunderschön, die Glühwürmchen im Wasser zu sehen, aber so ein Lichtermeer wir heute haben wir noch nie erlebt. Wir segeln wie durch eine Großstadt, ringsum uns herum ein Licht am anderen, jeder Wellenkamm ist mit einem hellgrünen Leuchtstreifen markiert. Da wir Neumond haben, konkurriert das Meeresleuchten nur mit dem Sternenhimmel, stellt diesen aber locker in den Schatten. Fotografieren kann man das leider nicht, aber vergessen werden wir diesen Anblick bestimmt nicht so schnell.

Völlig unmöglich allerdings, bei diesem Spektakel Ausguck zu gehen. Die Positionslichter eines anderen Schiffes könnte man nie unter den vielen Lichtern ausmachen, die uns rundum umgeben. Das AIS zeigt aber auch keine Gegner in der Umgebung an, daher sind wir unbesorgt.

delfin

POS 6°31’N 080°46’W
Noch 3445 sm bis Pitcairn

Osterinsel

Muktuk

Manche segeln von Panama aus über 2500 Seemeilen, um auf die Osterinsel zu kommen. Wir haben nur 20 gebraucht. Gut, die Panamesen nennen die Insel Otoque, und wir haben bislang auch keine größeren Steinfiguren gefunden. Aber wir sind Ostern hier angekommen, also haben wir sie Osterinsel genannt, das hat Jakob Roggeveen am 5. April 1722 schließlich auch so gemacht.

Machete

Außerdem ist hier niemand, der uns das Recht zur Namensgebung streitig machen würde. In der großen Bucht im Süden der Insel sind wir die einzigen weit und breit. Wenn man mal von den Pelikanen absieht. In den frühen Morgenstunden jagen sie zu hunderten gemeinsam, tauchen im Sturzflug ins Wasser und meist mit einem Fisch im Schnabel wieder auf. Das Wasser brodelt regelrecht in einer wilden Mischung aus Fisch und Pelikan. Viertel nach sieben ist der Spuk auf einmal vorbei, die Pelikane zerstreuen sich und man sieht sie nur noch einzeln oder in kleineren Grüppchen den ganzen Tag über.

Peli1

Peli2

Wir genießen nach dem ganzen Stress des Ankommens, Ausrüstens, Vorbereitens und der Kanalpassage mit ihren Adrenalinschüben die Ruhe und die Einsamkeit. Immerhin haben wir uns aber gestern zum Osterspaziergang aufgemacht, sind mit dem Beiboot an den Strand und haben uns einen Weg quer über die Insel auf die andere Seite gesucht, wo es ein kleines Örtchen gibt. Haben dort im Lokal eine Cola getrunken (Wasser gab es nicht) und sind wieder zurück. Auf dem Weg konnten wir noch ein paar wildwachsende Limetten sammeln, die beim Abendessen den auf der Überfahrt gefangenen Bonito ganz wunderbar gewürzt haben. So kann das gerne weitergehen.

Peli3

Peli4

Mich lockt am Abend der große Strand fürs Lagerfeuer, Birgit ist aber mit Landausflügen etwas zurückhaltend, denn am Ende des Osterspaziergangs ist unser Dinghi in der Brandung vollgelaufen und wir mussten ganz schön kämpfen, um es wieder flott zu bekommen. Voller Waser und Sand ist das Ding zu schwer, um es zurück auf den Strand ziehen zu können, und so bleibt nichts anderes übrig, als das Wasser schneller auszuschöpfen, als es durch die Brecher wieder hereinschwappt. Mit unserem kleinen Ösfass konnten wir da nicht viel ausrichten, erst als ich am Strand ein paar größere Plastikkanister gefunden habe, kamen wir voran. Tja, Abenteuer auf der Osterinsel…

2Pelis

Panama Kanal

Zwei Tage dauert sie, die Reise vom Atlantik in den Pazifik – zumindest wenn man die Abkürzung nimmt durch den Panama Kanal. Außen herum, um Kap Hoorn, sind es doch ein paar Tage länger, weshalb die großen Pötte bis zu 300.000 Dollar zahlen, um den Kanal benutzen zu dürfen. Wir kamen etwas billiger weg.

Lok

Am Nachmittag des 24. März warteten wir auf dem Ankerplatz vor dem Kanal auf unseren Lotsen. Genauer gesagt auf unseren „transit advisor“, denn die Lotsen sind nur für Schiffe jenseits unserer Tonnage zuständig.

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Am ersten Tag fuhren wir „im Päckchen“ durch die drei Gatun Schleusen. Ein etwas größeres Boot in der Mitte, steuerbords ein kleiner Holländer, backbords wir, gut mit jeweils vier Leinen zusammengebunden. Der Skipper des Mittelbootes war deutlich über 70 Jahre alt und nicht mehr ganz auf der Höhe seiner seglerischen Fähigkeiten, zudem sah er schon recht mumifiziert aus. Aber er steuerte uns zunächst ganz gut durch die Schleusen. Als wir uns allerdings nach der dritten Schleuse, im Gatun See angekommen, wieder voneinander lösten (der kleine Holländer war schon frei, wir machten gerade die Leinen los), gab die Mumie Vollgas, ohne zu bemerken, dass unsere Achterleine noch belegt war. Sein Boot schoss also los, unser Heck wurde mit ihm nach vorne gezogen, wir drehten uns um unsere Achse, und nur durch volle Fahrt voraus gelang es mir, unser Heck zumindest einen halben Meter von seiner Bordwand freizuhalten. Bis die Mumie mitbekam, dass da noch 26 Tonnen auf seiner Backbordseite hingen, war unsere Leine schon ziemlich auf Zug, und nur mit viel Glück hielt seine kleine Klampe, an der wir festgemacht hatten, dem enormen Zug stand.

Masten

Leinen2

Auf dem Gatun See ankerten wir für die Nacht, am Morgen kam ein neuer Nicht-Lotse und fuhr mit uns zu den Schleusen auf der Pazifik-Seite. Die Mumie überholte uns unterwegs, schleuste mit dem Holländer zusammen ohne uns, und wir durften alleine, d.h. „center lock“ die Schleusen passieren. Ganz alleine natürlich nicht, denn Segler werden immer nur zusammen mit den großen Frachtern, Tankern oder Kreuzfahrtschiffen geschleust. Waren wir am ersten Tag (bergauf) noch hinter dem Frachter, mussten wir am zweiten Tag (bergab) vor dem Frachter in die Schleusen.

Pott

In den ersten beiden Schleusen war das auch recht entspannt: wir fuhren in die Schleuse bis ans Ende ein, die Leinenwerfer an Land warfen uns dünne Leinen zu, an denen wir unsere vier langen Festmacherleinen anknüpften, diese wurden an Land gezogen, auf Pollern belegt und von Bord aus dichtgeholt. Wie eine Spinne im Netz hielten uns die Leinen in der Mitte der Schleuse, und als das Wasser begann zu fallen, gaben unsere Linehandler (neben Birgit, Silke und Matthias von der FAJO und Thorsten von der INFINITY) immer jeweils soviel Leine nach, um uns weiterhin in der Mittelposition zu halten.

achtern

Wie gesagt: zwei Schleusen lang ging das gut. Die dritte Schleuse hat als Besonderheit (bedingt durch die Mischung aus Süßwasser aus dem See und Salzwasser aus dem Pazifik) eine starke Strömung in Fahrtrichtung. Die Idee ist eigentlich, diese Fahrt mit den Achterleinen abzubremsen. Nur: weil die Leinenwerfer etwas langsam waren, waren unsere Achterleinen selbst ein paar Meter vor dem Schleusentor noch nicht einsatzbereit. Also mussten wir mit Maschine rückwärts bremsen, was ohne Fahrt durchs Wasser (denn das Wasser selbst bewegte sich ja vorwärts) nicht wirklich gut funktioniert. Statt rückwärts zu fahren, dreht sich das Boot dann erst einmal seitlich, und unsere Muktuk fährt besonders schlecht rückwärts. So kamen wir also zwar kurz vor dem Schleusentor zum Stehen, lagen aber fast quer in der Schleusenkammer. Dann Maschine vorwärts, um wieder gerade zu kommen, die Achterleinen waren auch endlich festgemacht, aber die Drehbewegung war zu stark für die Leinen. Zong! Und ab war die Achterleine an Steuerbord! Also wieder volle Maschine rückwärts, um Zeit zu gewinnen, eine neue Leine auszubringen, bis wir endlich, zwar recht schief aber immerhin ohne Fahrt in der Schleusenkammer lagen. Zu guter Letzt musste wir noch ein paar Meter zurücksetzen, damit die Schleusentore Platz hatten aufzugehen, dann endlich öffnete sich das Tor zum Pazifik und wir konnten am Balboa Yachtclub in Panama City vor Anker gehen.

vorne

Unsere Linehandler hatten beschlossen, noch eine Nacht an Bord zu verbringen, was uns sehr gefreut hat, und so gab es dann noch ein schönes gemeinsames Abendessen, ein paar Schleusenbierchen und auch einen tüchtigen Schluck Whisky für den Pazifik, für Rasmus, für die Muktuk und vor allem für die Crew. Wir sagen herzlich Dankeschön!

Die Molas von Kuna Yala

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In Mittelamerika sind neben den schönen Webarbeiten der Maya von Guatemala die Molas der Kuna-Indianer die bekanntesten Produkte in Sachen Textilkunst. Und eine Kunst ist es wahrhaftig.

Eine Mola ist eine Art umgekehrtes Patchwork: bis zu vier Schichten von Stoffen werden übereinander gelegt, Motive ausgeschnitten, mit feinen Stichen umgenäht und bei Bedarf weitere Stoffapplikationen in anderen Farben darauf genäht. Je gleichmäßiger, umfangreicher die Motive, je feiner der Stich, umso kunstvoller die Mola, heißt es.

Vor der Invasion der Spanier und der Ankunft der Missionare trugen die Kunas Körperbemalungen, wie sie u.a. noch bei verwandten Stämmen in Südamerika zu sehen sind. Später wurden die Motive auf die Stoffe ihrer Kleidung gemalt. Man vermutet, dass etwa Mitte des 19. Jahrhunderts die heutige Technik, Molas zu nähen, entwickelt wurde.

Die Molas sind rechteckige Motivbilder und bilden die die Vorder- und Rückseite von Blusen. Die Kuna-Frauen tragen überwiegend die traditionellen geometrischen Muster, nur vereinzelt auch Motive mit Heilpflanzen, Wolken, Geistern oder friedliche Tiere. Die Grundfarben des Hintergrundes sind entweder Schwarz, Purpurrot oder Orange, die Farben der Applikationen variieren.

Die Nachfrage der Touristen nach bunten Molas hat die Palette der Motive und Farben erweitert: blau und grün als Hintergrundfarben, kräftige Farben wie neongelb und grün für die Applikationen kommen hinzu. Tierdarstellungen wie Schildkröten, Krebse, Langusten, Fische, Papageien, das kaufen Touristen gerne.
Die Motivbilder können zu Kissenhüllen umgearbeitet werden, oder Tischdecken und Taschen zieren.

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Venancio Restrepo, Mola-Meister

Gleich nach unserer Ankunft in Kuna Yala klopft Venancio an unser Boot – wir hörten schon von ihm, er habe die schönsten Molas weit und breit. Mit zwei großen Bottichen aus Plastik kommt er an Bord, begleitet von zwei jungen Männern, die ihn im Einbaum zu den Booten fahren. Er packt aus und ich staune, ein Stück schöner und kunstvoller als das andere, vor meinen Augen schwirren die Motive und ich frage ihn vorsichtig, ob ich denn ein paar Fotos machen darf. Sehr gerne möchte Venancio, dass ich seine schönen Molas auch übers Internet bekannt mache und so lege ich los, gut achtzig Fotos entstehen
Er hat jeweils zwei oder vier Molas zusammen geheftet, nach Motiven sortiert. Er erklärt die Bedeutung der traditionellen Motive, ist aber genauso stolz auf die Stücke mit den Tiermotiven für die Touristen, das alles in einer wilden Mischung aus Spanisch und Englisch. Denn Englisch will er nebenbei auch lernen und fragt oft nach den englischen Begriffen. Und ich lerne dabei viel über die Anfertigung der Molas, die Technik, bewundere die feinen Stiche.
In den folgenden Wochen haben wir noch ein paar Mal Molas angeboten bekommen von Kuna-Frauen. Venancio hatte tatsächlich mit Abstand die schönsten!

Hier eine Auswahl:

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Krebse

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Oben: Traditionelle Tänze, unten: Chiefs in der Hängematte mit Pfeife

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Schildkröten

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Traditionelles Motiv mit Heilpflanzen

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Traditionelles geometrisches Motiv, sehr häufig auf Blusen zu sehen

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Geometrisches Motiv, Vorderseite

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Geometrisches Motiv, Rückseite

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Stilisierte Blumen, Vorderseite

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Stilisierte Blumen, Rückseite

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Stoffstreifen für Muster mit Durchbruch

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Wolken

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making of „Wolken“

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Schnecken

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Hähne und Fische

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Segelboot mit Seglern

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Übungsstücke, angefertigt von Schülern aus dem Dorf von Venancio

Mola Lisa

 

Mitte Januar 2016: Der Regenwald am Festland ist nur wenige Meilen von unseren Ankerplätzen entfernt und so verabreden wir mit unseren Freunden von der Fajo, eine Tour zu einem Seitenarm des Rio Tigre. Die Flüsse und den Regenwald darf man nur mit einem Führer bereisen, mit Zustimmung der örtlichen Sailas, den Dorfältesten, lesen und hören wir. Also werden wir eines Morgens von Lisa Harris, bekannter als Mola Lisa, mit ihrem großen Einbaum abgeholt. Schnell noch mal umgekehrt, gut, dass auf der Muktuk noch fünf alte Feststoff-Schwimmwesten lagern, denn ohne dürfen wir nicht los.

1Weste

Bei den Kunas gibt es einige Transvestiten: Jungen, die als Mädchen großgezogen werden, falls eine Familie keine oder zu wenig Mädchen hat. So auch Mola Lisa, lange Haare, Sonnenbrille mit Tigermuster, Handtasche in schwarzem Lack mit Kirschen drauf, feminines Auftreten. Sie näht wunderschöne Molas und bietet Touren an.

2LisaTasche
Mola Lisa

Wir fahren mit ihr und einem älteren Kuna im Boot zur Flussmündung und ein Stück den Fluss hinauf, vorbei an Bananen- und Kokosplantagen, ab und zu schaut ein Kuna am Ufer neugierig, wer da vorbei tuckert. Das Wasser ist schön klar, man kann bis auf den Grund sehen. Irgendwann geht es nicht mehr weiter fürs Boot.

3Fluss

Wir steigen aus und laufen einen Hang durch den Wald hoch, kommen an einem Friedhof vorbei, dann an einem zweiten. Das ist der private Friedhof von Lisa, sie hat vor etlichen Jahren das Grundstück gekauft und inzwischen ihre Eltern und ihren Schwager dort begraben, aber auch andere Familien aus ihrem Dorf haben dort ihre Verwandten zur Ruhe betten können. Kleine Hügel aus lehmiger roter Erde, geschützt gegen Regen durch eine große Hütte mit einem Dach aus Palmwedeln. Wellblech wäre bei der tropischen Feuchte lange nicht so haltbar und viel wichtiger noch, könnten die Seelen nicht entweichen.

4FriedDach
Friedhof

Die Kunas werden in ihrer Hängematte beerdigt, die Frauen tragen ihr schönstes Gewand, eine traditionelle Molabluse und ihren gesamten Schmuck. Auf den Gräbern sehen wir Tonschalen, in denen u.a. Kakao-Bohnen verbrannt werden. Der Rauch kann durch ein Loch im Boden gelangen – für die Toten. Daneben steht die Lieblingstasse des Verstorbenen. Aber auch andere erstaunliche Dinge liegen auf und neben den Gräbern oder hängen an den Pfählen der Hütten, eine Sammlung an Schuhen, ein halber Plastikstuhl, Töpfe, Pfannen.

5FriedGrab

Da keine anderen Kunas in der Nähe sind, dürfen wir Fotos machen, dann geht es weiter durch den Regenwald, wieder zum Fluss runter, Lisa will uns die Wasserfälle zeigen. Quer über den Weg gehen Straßen der Blattschneider-Ameisen, ein Gewimmel aus wandernden Blättern, faszinierend in ihrem Fleiß und Ausdauer.

5aAmeisen
Blattschneiderameisen unterwegs

Wir waten die meiste Zeit knöcheltief durchs Flussbett flussaufwärts bis wir zu einer Stelle gelangen, wo wir unsere Rucksäcke Lisas Helfer geben dürfen, der den Wald hochklettert. Wir waten durch tieferes Wasser, stellenweise geht es nur schwimmend voran und da ist schon der erste kleine Wasserfall. Lisa setzt ihre Schwimmbrille auf und macht uns vor, wie man hier über die Steine wieder runter sausen kann, ins wirbelnde Wasser hinein. Sie ist stark und eine geschickte Schwimmerin.

6LisaBrille

7Andreas

Beim dritten Wasserfall machen wir eine Pause und nach einigem Fragen beginnt Lisa zu erzählen. Sie lebt mit ihrer Schwester und ihren Nichten zusammen, ein reiner Frauenhaushalt, da der Schwager gestorben ist, die Brüder leben in anderen Ortschaften bei ihren Frauen. Aber der Zusammenhalt im Dorf ist groß, die Männer bringen ihr immer wieder Fisch und Langusten mit, dafür hilft sie den Familien aus, wenn es an Mehl und Zucker fehlt oder jemand Geld für besondere Ausgaben braucht. Auch besitzt die Familie etwas Land, das sie ernähren kann.

Nach der Religion gefragt, sagt sie, gibt es nur einen Gott, und der ist der Gott aller Menschen auf Erden. Er hat für die Kunas das schönste Fleckchen der Erde ausgesucht: nicht zu warm, nicht zu kalt, keine Wirbelstürme oder Erdbeben, ausreichend Fisch im Meer und genügend Obst und Gemüse zum Anbauen. Dann hat er vier Sterne in Frauengestalt auf die Erde geschickt, um den Kunas zu zeigen, wo und wie sie hier leben sollen. Eine der vier Frauen blieb bei den Kunas, wurde wie ein Mensch beerdigt und ihre Seele ging den Fluss hinauf ins Paradies. Kunas, die ein gutes Leben gelebt haben, ganz nach den Regeln der Gemeinschaft lässt Gott schnell ins Paradies kommen, ebenfalls flussaufwärts. Andere wiederum, die schlechte Angewohnheiten aus Panama City mitgebracht haben, gar zu Dieben und Mördern wurden, haben es schwerer, sie erscheinen ihren Angehörigen noch lange im Traum, weinen und klagen und dürfen erst nach langer Prüfung in den Himmel. Auch verbiete ihr Gott, dass Menschen operiert werden oder nach ihrem Tode einer Autopsie unterzogen werden. Sie müssen unversehrt beerdigt werden.

Auf die Klimaerwärmung und die sichtbaren Folgen für Guna Yala angesprochen (es verschwinden mehr Inseln durch Überflutung als neue entstehen können) meint Lisa – ja klar, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eine Sache. Aber die Kunas glauben, dass dies die Strafe Gottes sei für ungehöriges Verhalten einzelner Gemeinschaftsmitglieder. Und das Meer steige und sinke sowieso im Jahreszyklus, genauso wie der Pegel der Flüsse. Gott werde schon alles richten.

8Waten

Auf dem Rückweg nehmen wir die Abkürzung durch den Wald, Lisa zeigt uns noch ein paar Blumen, ein wunderbarer Ausblick von oben aufs Meer, auf den grünen Regenwald. Und noch einmal kommen wir am Friedhof vorbei. Lisa zeigt uns das Grab von zwei Geschwistern, beide waren Albinos. Diese werden von den Kunas sehr verehrt, Gott habe ihnen besondere Kräfte gegeben. Sie sind schon im Alter von 50 Jahren gestorben. Und nein, fügt sie sogleich hinzu – ohne auf die unvermeidliche Frage zu warten, die wurde wahrscheinlich schon häufiger gestellt – nicht an Hautkrebs. Gott habe es so gewollt.

Lisa spricht bei den Familiengräbern mit ihren Angehörigen, verspricht ihnen, bald wieder vorbei zu kommen. Zu ihrer Mutter hatte sie ein sehr enges Verhältnis, erzählt sie. Nach ihrem Tod erschien sie Lisa im Traum, sprach davon, wie schön es im Paradies sei und sie wünschte, ihre Tochter könne bei ihr sein. Sie habe bereits den Schamanen überzeugt, Lisa eine Krankheit zu schicken. Aber Lisa kann und will noch nicht gehen, sie muss ihre Familie versorgen, kann sie nicht alleine lassen. Von den Einnahmen aus den Touren gibt sie die Hälfte an ihr Dorf ab, den Erlös aus dem Verkauf ihrer Molas kann sie gänzlich behalten.

Zurück auf unseren Booten packt Lisa ihren wasserdichten Eimer mit den Molas aus und wir kaufen einige von ihr. Sie hat Molas mit traditionellen geometrischen Mustern, Heilpflanzen oder Wolken und viele mit Vögeln und Tieren des Urwaldes, Meerestieren, und eine mit Köpfen, die Hüte tragen: „Nuchus“ stellen sie dar. Das sind schön geschnitzte Holzstäbe von denen jeder Kuna, aber auch jedes Haus, welche besitzt. Sie werden von den Medizinmännern, den Schamanen, mit Leben versehen und sollen ihre Besitzer, die Häuser und die Dörfer beschützen. Diese guten Geister können sich frei von Insel zu Insel bewegen und erkunden, wo Gefahren drohen, um davor rechtzeitig zu warnen. Auch kann der Schamane mit dem persönlichen Nuchu sprechen, um bei Kranken herauszufinden, wo die Beschwerden liegen.

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Die Mola-Kollektion

Die vier Stunden, die die Tour dauern sollte, sind lange überschritten, wir sind müde von der Sonne, den vielen Eindrücken und könnten trotzdem noch weiter mit Mola Lisa reden, Fragen hätten wir genug. Aber auch sie will weiter, ein amerikanisches Nachbarboot möchte auch Molas kaufen und abends will sie noch ein paar Stunden an der „nueva coleccione“, an neuen Molas arbeiten.

Guna Yala – San Blas

Januar 2016
1Inselchen

Östlich von Colon am Eingang des Panamakanals beginnt das Land der Kuna-Indianer und erstreckt sich bis zur kolumbianischen Grenze. Ein breiter Streifen an Land und das gesamte San Blas Insel-Archipel dürfen sie autonom verwalten: Guna Yala heißt es in ihrer Sprache. San Blas, die spanische Bezeichnung, hören sie nicht so gerne…

Auf den vielen Inseln (die Angaben schwanken zwischen 340 und 365) gibt es 49 Gemeinden mit jeweils hunderten von Einwohnern, die noch überwiegend die traditionelle Lebensweise bevorzugen.

Im Lauf der letzten Jahrhunderte sind die Kunas vom Festland nach und nach auf die Inseln gezogen, die Inseln boten Schutz vor den spanischen Eroberern und anderen Indianerstämmen es gibt hier keine gefährlichen Tiere, Schlangen und Insekten gibt.

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Ende des 18. Jahrhunderts schlossen die Kunas einen Pakt mit dem spanischen Gouverneur von Großkolumbien (zu dem auch Panama gehörte), der ihnen ein weitgehend friedliches Leben garantierte. Mit der Gründung der eigenständigen Republik Panama 1903 fiel das Gebiet der Kunas an Panama. Die darauf folgenden Repressalien der Regierung kulminierten 1925 in einem für die friedliebenden Kunas ungewöhnlich blutigen Aufstand. Die Intervention der USA verhinderte eine weitere Eskalation, ein Friedensvertrag folgte. Die Kunas akzeptierten die Zugehörigkeit zu Panama und erhielten dafür die Zusage, ihre traditionellen Gesetze, ihre Kultur, Sprache und Tradition auf ihrem Gebiet einhalten und bewahren zu dürfen. Zwar müssen die Kunas in Verhandlungen ihre Autonomie immer wieder verteidigen, aber vom Staat Panama wird die „Comarca Guna Yala“ mittlerweile gerne als Paradebeispiel für Selbstverwaltung und Schutz indigener Völker präsentiert.

Eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen sind die Kokosnüsse, der Hauptabnehmer sind Händler aus Kolumbien. Jede noch so kleine Insel gehört einer Großfamilie, die Palmenanlagen werden regelmäßig gepflegt und die Kokosnüsse eingesammelt.

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Auch vom Tourismus können die Kunas inzwischen leben, es gibt keine Hotelburgen, sondern einfache Hütten, manchmal ein kleines Hotel, alle in Kuna-Hand, hinzu kommen die vielen Tagestouristen, die in einfachen Bars am Strand versorgt werden. Und die berühmten Molas, die die Frauen sticken, nähen, sind inzwischen ein begehrtes Souvenier.

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An Land, in den Bergen, die kaum höher als 100m sind, befinden sich die Gärten, „fincas“, der Kunas, mit Bananen, Papaya, Mangobäumen, diverses Wurzelgemüse. Manche Kunas pendeln täglich zwischen Festland und Inseln hin und her, kein einfaches Tagwerk.

In kleinen Einbäumen fahren die Kunas über die Untiefen, halten die Angeln ins Wasser oder tauchen nach Langusten, paddeln und für die längeren Strecken zum Festland oder zwischen den Inseln werden zwei Stangen hervorgeholt, ein kleines Gaffsegel aufgespannt und ein Paddel als Ruder eingesetzt. Viel Körpereinsatz ist dabei nötig, um die Balance auf dem kleinen Gefährt zu halten.

Segelkanu

Die Gesellschaft ist matrilinear organisiert, meistens suchen die Frauen ihre Partner aus, die Männer ziehen bei der Familie der Frau ein. Die Frauen verwalten das Geld, der Grundbesitz wird in der Regel über die Frauen vererbt. Auch das stärkt ihre Position.

Die Dörfer werden von drei Chefs geleitet, ältere Kunas „Salias“ gennant. Ein Kreis von jüngeren Männern, Argars, interpretieren ihre Ratschläge und jüngere Salias sorgen für die Umsetzung bzw. Einhaltung der Regeln. Jeden Abend wird eine Versammlung, ein „congreso“, in der größten Hütte des Dorfes abgehalten. Jeder darf seine Ideen einbringen, mit diskutieren.

In den traditionellen Dörfern müssen Besucher vorher die Erlaubnis des obersten Sailas einholen, bevor sie den Ort besichtigen oder gar abends an einem congreso teilnehmen dürfen.

Bei den Kunas tragen nur die Frauen Tracht: einen bunten Wickelrock, eine Bluse deren Vorder- und Rückenteil eine Mola ziert, einen dicken goldenen Ring in der Nase, oft noch schöne goldene Ohrringe, Halsgehänge, gelb-orangene Perlenschnüre an den Armen und Beinen und ein Tuch auf dem Kopf, wenn sie längere Zeit in der Sonne unterwegs sind. Verheiratete Frauen haben einen praktischen Kurzhaarschnitt. Die Männer hingegen laufen ganz normal in T-Shirt und Shorts herum.

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Es gibt inzwischen aber auch Dörfer, die beschlossen haben, sich nicht mehr an die traditionellen Regeln und Gebräuche zu halten, sie werden als „civilisado“ bezeichnet. Die Frauen tragen keine Tracht mehr, lassen die Haare länger wachsen, und in dem größten Ort des Archipels, in Nargana, geht wohl auch langsam die Kenntnis der eigenen Sprache verloren, das Spanische ist zu dominierend.

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Die Kunas haben es über Jahrhunderte hinweg geschafft, ihre Kultur, Religion und Sprache zu erhalten. Der Einfluss der westlichen Welt wird sicher immer stärker spürbar, Schule, Touristen, Mobiltelefone, Internet, die zunehmende Mobilität. Viele Männer arbeiten in Panama City, die Frauen fahren mit ihren Molas zum Verkaufen dorthin, auch haben viele Kunas inzwischen Häuser in Panama City. Wie die Kunas diesen Spagat meistern, wie diese Spannungen zwischen Tradition und Moderne für sich lösen, das haben wir uns oft gefragt.

2Kunawoman

Bacardi feeling…

1Muktuk

Wie kann man am besten die Euphorie beschreiben, die uns überwältigte, als wir an Deck standen, in der Ferne die hohen Berge des Festlands sichtbar wurden, die Farbe des Meeres sich änderte, helles und dunkles Türkis für die Sandbänke, braun für die Korallenriffe daneben, dunkelblau für die tieferen Stellen, die Inseln näher kamen, ein schmaler Sandstreifen, dichte Palmenwälder, vielleicht mal eine Hütte darauf. Diese Kombination aus wechselnden Wasserfarben und von Palmen bedeckten Inseln begleitet uns nun schon seit drei Wochen. Das mag eintönig klingen, aber wir können uns immer noch nicht satt sehen daran.

2Palmeschief

Riffe, Inseln, noch eine Reihe Riffe, dahinter wieder Inseln mit geschützten Ankerplätzen, ein beständiger Passatwind, der die Palmen in eine Richtung wachsen lässt. Die Regenzeit ist vorbei, Tag für Tag Sonnenschein mit über 30 Grad im Schatten. Und so verwundert es nicht, dass die Segler von überall herkommen, an manchen Plätzen 20 – 30 Boote ankern.

3Riff

Unverzichtbar ist hier der Revierführer „Panama“ von Eric Bauhaus, ohne den man sich nicht in dieses Archipel wagen sollte. Zu den vielen Luftaufnahmen, auf denen die Riffe und Sandbänke zu sehen sind, kommen sehr genaue Detailkarten, die auch in elektronischer Form unter den Seglern kursieren. Anfangs verglichen wir die Angaben noch mit den herkömmlichen Karten: mit denen wären wir mehr als einmal deutlich über die Riffe geschrammt. Manchmal sieht man ein gestrandetes Boot, hört Geschichten von Ausflugs-Katamaranen, die am Riff hängen geblieben sind.

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Vom Festland kommen täglich „lonchas“, überdachte kleinere Motorboote mit Touristen, die an Inseln und Sandbänken für ein paar Stunden ausgesetzt werden, im warmen Wasser stehen, einen Drink n der Hand, Musik im Hintergrund, das „Bacardi-Feeling“ aus der Werbung für einen perfekten Urlaub.

4Bacardi

Und natürlich sind die Riffe ein herrliches Revier zum Schnorcheln, an manchen Stellen ist die Vielfalt der Unterwasserwelt an Fischen und Korallen überwältigend.

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Dann gibt es die „hot spots“ an den Riffen, wo bei gutem Wind die Kite-Surfer unterwegs sind. Ihre bunten Drachen kann man schon von Weitem erkennen. Das Damenprogramm lässt sich etwas gemütlicher an.

6Kanu

Auch wir genießen die Zeit hier – und inzwischen haben wir ein paar Mal schon Langusten von den Kunas kaufen können. Hier der Beweis:
7Lobster

Einzig die „no-see-umms“ ärgern uns manchmal: winzig kleine Insekten, kaum sichtbar fürs Auge, überfallen Arme und Bein, beißen unangenehm und können einen gemütlichen Strandspaziergang am späteren Nachmittag schneller beenden als gedacht. Da hilft nur die Flucht zum Dinghi und zurück aufs Boot.

Die Umweltverschmutzung macht auch vor dieser schönen Ecke nicht Halt, der Plastikmüll ist allgegenwärtig. Flaschen, Tüten, Schuhe, werden an die Strände geschwemmt, manchmal sieht man auch schwarze volle Müllsäcke auf dem Wasser schwimmen. Also nicht nur von Außerhalb kommt der Müll. Viele Inseln sind sehr gepflegt, Palmwedel werden eingesammelt und verbrannt, der Sand wird gefegt, aber es gibt auch Inseln wo man unter den Palmen kaum durchkommt und am Strand sich der Müll der zivilisierten Welt sammelt. Die Blechdosen von Bier und Cola werden allerdings gesammelt und an die kolumbianischen Händler verkauft. Schade, dass das nicht auch für die Plastikflaschen gilt.
8Plastikmuell

9Schuh

Die Mär vom Veggie-Boot

MuktukHinterPalmen

Paradiesisch sind sie ja, die San-Blas Inseln. Weiße Strände, Palmen, Korallen, Sandbänke, geschützte Ankerplätze – ein Traumrevier. Nur einen kleinen Schönheitsfehler haben sie: man kann nirgends etwas einkaufen. Die meisten Inseln sind unbewohnt, und die Kokosnüsse soll man auch auf den unbewohnten Inseln nicht einfach nehmen, denn die gehören einem Kuna-Indianer, auch wenn er/sie nicht auf der Insel lebt. Die bewohnten Inseln haben manchmal einen Verkaufsraum in einer kleinen strohgedeckten Holzhütte, der sich stolz „Supermarkt“ nennt. Dort gibt es dann ein paar Regale voll Trockensortiment, aber davon haben wir genug an Bord. Was fehlt, sind nach mittlerweile knapp drei Wochen seit Roatan Obst und Gemüse. Das gibt es leider auf den Inseln nicht zu kaufen.

Azucar

Doch Segler sind abergläubische Menschen, und deswegen gibt es den Mythos vom „Veggie-Boot“, das angeblich auf dem Festland Obst und Gemüse einkauft und dann zu den Seglern an den Ankerplätzen fährt, um sie dort zu beliefern. Ganz Leichtgläubige sprechen davon, dass sich dieses Wunder zweimal pro Woche ereignet. In den allmorgendlichen Funkrunden wird viel über diesen Mythos spekuliert. Es melden sich Segler, die das Veggie-Boot mit eigenen Augen gesehen haben wollen. Aber in der Anonymität des Sprechfunks kann man natürlich viel behaupten. Da werden dann schon einmal ganz unverfroren Dinge behauptet wie, dass das Veggie-Boot auch Hühner oder Bier mitgebracht hätte.

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Aber wir haben schon persönlich Segler getroffen, die einen kennen, der von einem gehört hat, der das Veggie-Boot gesehen hat. Fast alle Segler hier glauben fest an das Veggie-Boot. Das ist wie mit Bielefeld – wenn genügend Leute seine Existenz behaupten, schwinden die Zweifel, die der gesunde Menschenverstand aufwerfen müsste.

Wir sind jetzt seit zwei Wochen auf den Inseln und haben uns auch schon von diesem Aberglauben anstecken lassen. Der Mythos erfüllt ja auch alle Phantasien des Langfahrt-Seglers: frisches Zeug, frei Haus an die Bordwand geliefert! Erst vorgestern, vor Anker vor einer kleinen bewohnten Insel, versprachen uns die Einwohner, das Veggie-Boot käme am nächsten Morgen um sechs Uhr früh. Wir haben sogar den Wecker gestellt, könnt ihr euch das vorstellen? Den ganzen Tag abwechselnd Veggie-Wache gegangen, dass wir nur ja das Boot nicht verpassen. Im Dorf hiess es dann am Nachmittag, es käme „mas tarde“ – also später. Pustekuchen – das neue Jahr fing natürlich ohne Veggie-Boot an.

Am Neujahrsmorgen dann über Funk die Durchsage: das Veggie-Boot sei auf dem Weg nach Green Island, einem Ankerplatz eine gute Stunde entfernt. Eine Aufregung, als wäre der Weihnachtsmann persönlich gesichtet worden. Keine zehn Minuten nach Empfang des Funkspruchs war unser Anker gelichtet und wir auf dem Weg nach Green Island (wo wir eigentlich gar nicht hinwollten), was tut man nicht alles in seiner Leichtgläubigkeit.

Und was glaubt ihr, was wir dort gesehen haben?

Veggie1

Veggieboot

Palme statt Tannenbaum

Palmenstrand2

Vollmond zu Weihnachten ist ja schon selten genug. Dazu noch einen ruhigen Ankerplatz, umgeben von Riffen, an denen sich malerisch die aus Nordost heranrollenden Wellen brechen. Und als Krönung eine kleine Insel, bestanden mit ein paar Dutzend Palmen, ein paar Hütten, in denen eine Kuna-Familie wohnt. Dort haben wir den Weihnachtsabend verbracht, zusammen mit unseren lieben Freunden von der FAJO und ein paar weiteren Seglern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Ein paar Fische auf dem Grill, Beilagen und Salate – jeder bringt zum Potluck etwas mit, Bier und Wein sowieso. Auch wenn unser Weisswein, den wir voriges Jahr in Guadeloupe gekauft hatten, nicht einmal mehr zum Essig taugte – Tropen eben. Aber wunderschön war der Abend, am Ende saßen wir am Strand, mit besagtem Vollmond in den Palmengipfeln und haben noch lange erzählt.

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Die Strapazen der Überfahrt sind schon vergessen, die Arbeitsliste wird auch schon kürzer, das Solarpaneel ist mit neuer Befestigung wieder montiert, das neue Windmessgerät dreht sich im Masttop. Unmengen Handtücher und Klamotten sind frisch gewaschen, denn unsere Weihnachtsinsel hat ein Wasserloch im Boden, und wir durften uns zum Wäschewaschen bedienen.

Wasserloch

Die Versorgungslage ist hier allerdings bescheiden bis nichtexistent. Gerüchte sprechen von einem Veggie-Boot, das ab und zu vorbeifährt und Gemüse oder auch mal ein Hühnchen verkaufen soll. Bisher haben wir es aber noch nicht gesehen. Auch auf die Fischer, die uns Fisch oder gar ein paar Langisten anbieten, warten wir bisher vergebens. Internet soll über Telefonkarten möglich sein, aber diese Karten haben wir bisher auch noch nicht gesehen. Fotos im Blog werden wir also wohl Anfang Februar nachreichen müssen. Auch die Pactor-Empfangsbedingungen für Mails und Text-Blogs sind sehr schwierig hier, so dass wir unsere Weihnachtspost erst am 26. absenden konnten. Na ja, das sind aber alles Kleinigkeiten, auf die man auch gut verzichten kann. Und wenn wir gar nichts frisches mehr zum Essen haben (also demnächst!), lichten wir den Anker und fahren ein paar Meilen weiter, wo wir vielleicht etwas einkaufen können. Weit sind die Strecken hier nicht, man muss sich nur gut zwischen den Untiefen hindurchschlängeln.

Mangrove

Mal sehen, wo wir zu Sylvester sind.

KleineInsel

POS 09°34,40N 078°51,33W