Tuamotus

StrandPalmen

31. Juli bis 6. August 2016

Auf den Tuamotus hatten wir kein Internet und das Blogschreiben über Funk ging auf einmal auch nicht, also hinken wir mit unseren Berichten etwas hinterher.

Unser Ankerplatz im Atoll Tahanea was kurzzeitig richtig voll – es kamen noch zwei weitere Boote an, so dass wir auf einmal zu fünft da lagen.

Auf unserem ersten Spaziergang hatten wir ein kleines Häuschen entdeckt, mit einer Feuerstelle davor. Die Gelegenheit, mal wieder zu Grillen! Also alle Segler gefragt, ob sie mitmachen wollten, am Nachmittag noch Holz gesammelt und mit der untergehenden Sonne versammelten sich alle ums Feuer. Es wurde ein schöner Abend mit neuen und schon bekannten Seglern und vielen spannenden Geschichten.

Sonnenuntergang

Und was macht man sonst so in einem unbewohnten Atoll? Mal wieder eine Nacht durchschlafen, Kuchen und Brot backen, viel Lesen und immer mal wieder am Strand spazieren gehen, die vielen Einsiedlerkrebse bewundern, wie sie unermüdlich an Pandanus-Nüssen schaben, um die Schale zu knacken, ihre Spuren im Sand bewundern, Moränen bei Niedrigwasser zwischen den Korallenblöcken aufscheuchen, seltene Vögel beobachten, Strandgut mitnehmen, Schnorcheln gehen. So viele verschiedene bunte Fische auf einmal wie an dieser Riffkante haben wir auf unserer Reise bisher noch nie gesehen.

Einsiedlerkrebs
Einsiedlerkrebs

Spuren
… und seine Spuren im Sand

Am letzten Nachmittag gingen wir noch einmal „am Rand“ spazieren, Palmenherzen für einen Salat holen, ein paar Muscheln sammeln und Fischchen im seichten Wasser der Lagune anschauen, da stolperte ich fast über einen kleine Pulpo (Oktopus), der gemütlich auf einer Koralle saß. Andreas griff ihn schnell, bevor er ins tiefere Wasser abhauen konnte.

Abends kam der Pulpo in den Kochtopf, er war ganz köstlich und zart – und wir erinnerten uns an unseren ersten Pulpo vor vielen Jahren im Casa Susu in Galicien! Mit einem Glas Weißwein dazu, einmal die Augen schließen und für einen Moment waren wir wieder in Pobra do Caraminal…

Koralle

Moräne
Moräne

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Borstenbrachvogel, ein seltener Zugvogel, der im Sommer in Alaska brütet und in Ozeanien überwintert

Uwasserfisch
Papageienfisch

Uwasserkorallen

Am Rand

Nach zwei Monaten auf den Marquesas fiel uns der Abschied schwer, wir hätten locker noch einmal so lang bleiben können. Aber wenn wir dieses Jahr noch in Neuseeland ankommen wollen, müssen wir langsam weiter. 550 Seemeilen sind es zu den Tuamotus, vier Tage haben wir gebraucht. Von Kua und Teiki hatten wir eine Dinghyladung voll Obst bekommen, das hätte bis Neuseeland gereicht.

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Eigentlich keine lange Strecke, eigentlich kein schweres Wetter, aber anstrengend war es trotzdem. Das lag zum einen an zwei Fronten, die über uns durchgegangen sind und 7er Böen, wechselnde Windrichtungen und Regengüsse mitbrachten, zum anderen waren wir beide von einer Art Grippe geplagt, so dass wir einfach nicht fit waren und die Überfahrt nicht so recht genießen konnten.

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Jetzt sind wir aber heil angekommen. Die Tuamotus bestehen aus 77 Atollen, wir haben uns Tahanea ausgesucht, weil dort die Einfahrt relativ leicht ist. Tahanea hat etwa die Fläche des Bodensees, und wie jedes Atoll besteht es im Wesentlichen nur aus Rand. Dieser Rand ist aus Korallen, schaut im Schnitt ein bis zwei Meter aus dem Wasser. An einigen Stellen hat sich Sand angelagert, so dass ein paar Palmen darauf wachsen können. Das flache Wasser vor diesen „Motos“ hat eine unverschämt türkisblaue Farbe, man könnte glatt meinen, man wäre in der Südsee.

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Tahanea ist unbewohnt, und als wir gestern ankamen, waren wir das einzige Boot in der Lagune. Stellt euch vor – der Bodensee ganz für euch alleine! Mittlerweile sind allerdings zwei weitere Boote angekommen. Wir müssen wohl mal ein ernstes Wörtchen mit unserem Reiseveranstalter reden.

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Wenn man Glück hat, gibt es im Rand der Atolle eine oder gar mehrere Lücken, durch die man mit dem Boot in die Lagune hineinfahren kann. Wann und wie man das kann, ist aber nicht so einfach. Da gibt es zum einen die Gezeiten. Auch wenn der Tidenhub hier sehr gering ist (etwa ein halber Meter), sorgt er doch für starke Strömungen in den Pässen, so dass man am besten bei Niedrigwasser, wenn der Gezeitenstrom kippt, ein- und ausfährt. Das kommt aber nur zweimal am Tag vor. Zum anderen braucht man eine hoch am Himmel stehende Sonne, und zwar im Rücken, so dass man im Wasser die Untiefen und Korallenblöcke erkennen kann. Diese „Augapfelnavigation“ ist hier unverzichtbar, denn die Atolle sind nicht oder nur unvollständig kartiert. Aber alles gleichzeitig, Stillwasser, Sonne und passender Sonnenstand… da muss man schon Glück haben.

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Es wird aber noch komplizierter. Wenn es draußen ordentlich Seegang hat (und wir hatten über Tage hinweg zwei Meter), rauschen die Wellen an vielen Stellen über den Rand des Atolls und füllen die Lagune mit Wasser. Weil sich im Inneren mangels Anlaufstrecke kein hoher Seegang aufbauen kann, kann das Wasser aber nicht auf dem selben Weg wieder hinaus, sondern nur durch die Pässe. Deshalb ist der bei Ebbe herauslaufende Strom dann sehr viel stärker (bis zu 15 Knoten) als der bei Flut einlaufende (maximal 5 Knoten). Oder der Flutstrom beginnt erst Stunden nach Niedrigwasser zu laufen. In extremen Wetterlagen läuft selbst bei Flut immer noch Wasser heraus, nur etwas langsamer als bei Ebbe.

Mit unserer lädierten Welle machen wir unter Maschine gerade mal zweieinhalb Knoten Fahrt (ohne Gegenwind), so dass wir nicht viel Spielraum für Gegenstrom haben. Gestern hatten wir aber Glück: wir haben den Pass zum Zeitpunkt des stärksten Flutstroms passiert, und in Kombination mit dem über den Rand schwappenden Wasser ergab sich gerade mal ein einwärts setzender Strom von zwei Knoten. Schwupps waren wir drin. Aber bis zuletzt war es spannend.

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Tatau auf den Marquesas

Taiohae
Taiohae ade…

Die Tätowierung, bzw. Tatauierung (Polynesisch) auf den Marquesas ist ein Bestandteil ihrer austronesischen Kultur, die sie mitgebracht hatten, als die Inseln besiedelt wurden. Hier, durch ihre isolierte Lage, entwickelten sich ganz eigene Motive und die Kunst der Tatauierung erreichte eine einzigartige Perfektion. Die Männer erhielten im Teenager-Alter in einer speziellen Zeremonie die ersten Tatauierungen und im Laufe ihres Lebens wurde nach und nach der ganze Körper mit Zeichnungen und Mustern bedeckt. Die Frauen allerdings durften sie nur hinter den Ohren, an Armen, Händen und Beinen tragen.

Tatauierungen waren kostspielig, die Meister wurden meist in Schweinen bezahlt, so dass die Anzahl der Verzierungen sicher auch ein Zeichen des sozialen Status innerhalb eines Stammes bedeutete.

Die ersten Zeichnungen der Tatauierungen gab es von der russischen Expedition unter Krusenstern um 1800. Die schönsten aber hat Karl von den Steinen in seinem dreibändigen Werk „Die Marquesianer und ihre Kunst“ festgehalten. Als er 1897 die Inseln bereiste, fand er allerdings nur noch unter den über 40jährigen Männern Tatauierungen vor. Die Missionare und die französische Kolonialregierung hatten in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich das Verbot der Körperbemalung durchgesetzt, , ebenso wie sie viele andere zeremonielle Traditionen verbaten. Also suchte Karl von den Steinen in entlegenen Tälern und auf der Insel Ua Pou, wo die Gendarmerie nicht alles kontrollieren konnte, alte Tataumeister auf und ließ sich u.a. von ihnen die Motive und Verzierungen aufzeichnen.

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Erst 1985 hob der damalige Bischof der Marquesas Le Cleac’h das offizielle Verbot auf. Dank der Vorlagen aus verschiedenen Büchern, hauptsächlich aber aus dem Werk von Karl von den Steinen, konnte diese Tradition wieder aufleben. Sein Werk ist heute die „Bibel“ der Tataumeister.

Inzwischen ist fast jeder Mann auf den Inseln tatauiert, einige wenige sind über und über mit Zeichnungen bedeckt. Die meisten haben eine Schulter, oder Teile des Oberkörpers oder der Oberschenkel ausgewählt, andere wiederum haben auch im Gesicht Tatauierungen, entweder halbseitig oder vom Hals ausgehend über das Kinn. Oft sieht man auch „work in progress“, wenn schon die Umrisse des nächsten Musters eingezeichnet sind und im nächsten Schritt ausgefüllt werden müssen. Auch viele Frauen tragen inzwischen wieder Tatauierungen, und nicht nur hinter dem Ohr und an den Armen, manchmal sieht man auch auf dem Rücken eine schöne Verzierung.

In früheren Jahrhunderten gab es wohl überwiegend ornamentale Tatauierungen, in der Zeit zwischen den Expeditionen von Krusenstern und den Forschungsarbeiten von Karl von den Steinen kamen auch stilisierte Darstellungen von Menschenköpfen und Tieren dazu. Bischof Le Cleac’h wiederum hat das „marquesianische Kreuz“ eingeführt, das zwischen den Ornamenten auch überall auftaucht und mit Stolz getragen wird.

Seitdem Tatoos auch in der westlichen Welt gesellschaftsfähig geworden sind, legen sich viele Touristen hier unter die Nadel. Und natürlich auch sehr viele Segler, jeder zweite, so scheint es, fährt mit einem Souvenir auf der Schulter oder am Oberarm weiter. Es ist tatsächlich nicht einfach, sich der Faszination dieses Körperschmucks zu entziehen, wenn er hierzulande mit solch einem Stolz getragen wird.

Tänzer

Krieger

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Bein2

Ganzkörper

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Der große Feiertag auf Nuku Hiva

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8Umzug

Wir liegen wieder in der schönen weitläufigen Bucht von Taiohae auf Nuku Hiva. Es ist der 14. Juli, Nationalfeiertag im „Mutterland“ Frankreich und auch hier ein großer Tag zum Feiern. Das Wetter macht mit, der Regen vom Vortag ist einem strahlenden Sonnenschein gewichen.
Bereits um 8h werden feierlich die Flaggen Frankreichs, Französisch-Polynesiens und den Marquises hoch gezogen. Um 9h versammeln sich die Gruppen zum Festzug und ziehen einige hundert Meter an der Uferpromenade entlang bis zur Festhalle neben dem Rathaus. Am Tag zuvor wurde bereits ein großer Baldachin aufgespannt, mit viel Grün und Blumen geschmückt, Stühle darunter aufgestellt. Da sitzen in der ersten Reihe die weltlichen und kirchlichen Würdenträger, dahinter etliche ältere Damen, alle in bunten Kleidern und mit schönen Blumenkränzen auf dem Kopf.

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Erst kommen die Kindergarten-Kinder mit ihren Tanten, dann die Pfadfinder, ein paar Sportgruppen, die Fischer-Genossenschaft, verschiedene Vereine und einige Tanzgruppen. Nicht nur die Tanzgruppen führen ein bisschen was vor, fast alle tanzen mindestens ein paar Schrittfolgen der traditionellen Tänze. Eine kurze Ansprache für den Bürgermeister, eine Blumenkette wird überreicht, dann verteilen sie sich auf den Uferwiesen.

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Begleitet werden sie alle von fünf Trommlern, die in der prallen Sonne neben dem Zelt stehen und unermüdlich die wildesten Rhythmen produzieren!

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Die Feuerwehr sorgt mit ihrem Auftritt für unfreiwillige Komik. Sie marschieren in voller Montur auf, schwere Stiefel, schwarze Uniform, silberne Helme und sollten linksrum sich drehen, um vor dem Bürgermeister stehen zu bleiben. Der Chef aber gibt den Befehl, rechtsrum! Und so drehen sie sich zum Meer und zeigten ihm den Rücken. Großes Gelächter… verwirrte und verlegene Gesichter, aber dann probierten sie es noch mal, und alles ist gut.

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Am Schluss zeigen sich noch die Reiter – in phantasievollen Verkleidungen und mit kunstvollen Paradeschritten führten sie ihre Pferde vor und jeder macht respektvoll Platz. Pferde sind hier noch sehr oft im Einsatz, viele kleine Wege und steile Hänge können nur mit ihrer Hilfe bewältigt werden.

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Neben der Veranstaltungshalle wurden in den letzten Wochen etliche Bauten aufgestellt, Restaurantzelte, Buden… Zwischen den Zelten fängt gleich nach dem Umzug eine der Tanzgruppen an zu tanzen, immer in Begleitung der Trommler.

Tanz1

Tanz3

Aber der Höhepunkt des Tages war die Darbietung der Gruppe von Fabienne, aus einem der Täler des Ortes.
Vor vier Wochen etwa hatten wir die Gelegenheit eine Probe an einem Abend mit anzuschauen. Fabienne, ganz die strenge Tanzlehrerin und voller Leidenschaft, arbeitete konzentriert mit den Laientänzern aus ihrem Viertel, jung und alt. Jeden Abend, fünf Tage die Woche wurde einstudiert. Von den Proben kannten wir schon etliche der Lieder und Tänze, so dass wir uns auch auf die Kostüme konzentrieren konnten: mit so viel Liebe zum Detail hergestellt, alles aus Naturfasern, Palmenblätter, geflochten oder geringelt, Federn, der Hals-Schmuck aus geschnitzten Knochen bei den Männer, dazu phantasievolle Gürtelschnallen. Die Tätowierungen kommen bei diesen Darbietungen so richtig zur Geltung, mit etwas Ruß die Gesichter geschwärzt und schon sehen die Jungen und Männer ganz schön martialisch aus.
Wir sind von dem Gesamteindruck erschlagen! So unglaublich rasant und schön haben sie getanzt, eine tolle Choreographie war das. Alle diese Tänze zeigen keineswegs eine Südsee-Idylle, es sind eher Kriegstänze, erzählen von Überfällen, Anschleichen, Kämpfen…

Fab2

Fab3

Fab4

Fab6

Am Nachmittag gibt es allerlei Spiele und Wettbewerbe: Boule, Kokosnüsse schälen, klopfen und raspeln, Tauziehen. Die Menschen sitzen in Gruppen zusammen, in der Halle, zwischen den Zelten, am Ufer im Gras, essen, trinken, Kinder hüpfen herum, mit Eis oder Zuckerwatte in der Hand, eine schöne Festtagsstimmung.
Später tritt noch eine Musikgruppe namens „Takanini“ auf, sie zeigen ein sehr schönes Musikvideo, traumhafte Aufnahmen von den Bergen der Inseln, den Menschen, Tänze.
Auf youtube kann man die Videos auch anschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=Is8A76bx1rg

Den ganzen Juli über wird gefeiert, auf allen Inseln, jedes Wochenende hat ein spezielles Programm mit Misswahlen, Tanzwettbewerben, bei denen die besten Gruppen der Orte bzw. der Inseln gekürt werden, danach bis nach Mitternacht Disco.
„Rikuheeee! Rikuhiiii!…“, so beginnt der Refrain eines der beliebtesten Lieder, und der begleitet uns noch einige Tage als Ohrwurm (anhören).
Wie gern bliebe ich noch hier, aber wir müssen bald weiter und uns von diesen zauberhaften Inseln verabschieden.

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24 Stunden

67 Seemeilen sind es von unserer Ankerbucht auf Tahuata bis zur nächsten Insel, Ua Huka, im Nordwesten. Die Windrichtung passt auch, Halbwindkurs, dennoch müssen wir mit mehr als 12 Stunden Fahrt rechnen. Um bei Tageslicht anzukommen, müssen wir also über Nacht segeln. Um 17 Uhr gehen wir Anker auf.

Na ja, jedenfalls bis die vordere Rolle der Ankerwippe bricht. Die Ankerwippe ist eine kippbar gelagerte Vorrichtung mit zwei Rollen im Bug, über die beim Ankern die Kette läuft (Kippe nach unten geklappt), und in der der Schaft des Ankers lagert (Kippe nach oben geklappt), wenn er oben ist.

Bricht die Welle der vorderen Rolle, verwandelt sich das ganze Ding in eine Menge klapperndes Blech, das von der Kraft der Ankerwinsch so verbogen wird, dass sich der Anker nicht mehr ganz heben lässt. Langsam aus der Bucht heraus tuckernd (ihr erinnert Euch: aktuell nur 1000 Umdrehungen), versuchen wir mit um den Anker geschlungenen Leinen das 35 kg schwere Ding frei- und an Deck zu bekommen. Eine der Leinen führt über eine quer über dem Bugkorb angebrachte Stange, in die die vordere Enden unserer Spinnakerbäume eingeklinkt sind. Oder besser gesagt: waren, denn der Zug auf den Leinen ist wohl doch ein wenig stark, zu stark jedenfalls für die Querstange, die in der Mitte durchbricht.

Also gut: Anker geborgen und gesichert, provisorische Querstange für die Spibäume montiert, Spibäume dort eingehängt, hintere Halterungen der Spibäume auch wieder zurechtgebogen, wir können Segel setzen. Als die Genua, das große Vorsegel, steht, entdeckt Birgit einen etwa 15 cm langen vertikalen Riss im Tuch, nahe an der Kante des aufgenähten UV-Schutz-Streifens. Hmm… bei leichtem Wind vielleicht kein Problem, aber wenn es aufbrist, kann sich der Riss leicht vergrößern, dann haben wir ein Problem. Also rollen wir die Genua weg und setzen stattdessen die kleinere Fock. Wir sind auch so schnell genug und kommen am Morgen auf Ua Huka an.

Die Bucht ist allerdings deutlich weniger geschützt als erhofft. Immer wieder fegen Windböen hinein, auch der hereinlaufende Schwell ist uns nicht geheuer, also nichts wie wieder heraus. Den botanischen Garten, den wir hier besichtigen wollten, müssen wir leider vom Programm streichen. Wir haben aber Glück, denn vier Seemeilen weiter westlich finden wir in einer anderen Bucht bessere Bedingungen. Mittlerweile ist es Mittagszeit, bis der Anker fällt.

Nach dem Essen ist der Ausbau der Ankerwippe angesagt. Dazu muss die Ankerkette entlastet und weggebunden werden und das Stau-Abteil ganz vorne im Bug leergeräumt, damit man die Kontermuttern der Schrauben erreichen kann. Auf dem Rücken liegend kommt einer mit langem Arm gerade so an die Muttern heran, während der andere von oben die Schrauben löst. In der Werkstatt zerlege ich dann die Wippe, klopfe das Blech wieder einigermaßen gerade und ersetze die Halterung der vorderen Rolle. Dann wieder Akrobatik, festschrauben, einräumen, Kette wieder draufsetzen, erledigt. Halb vier.

Wir rollen die Genua aus und ziehen das Segel aus dem Profilstag an Deck, um an den Riss heranzukommen. Ausmessen, Flicken zurechtschneiden und auf beiden Seiten anbringen, provisorisch festkleben, damit sie nicht verrutschen. Dann steht ein knapper halber Meter Naht an. Klingt gar nicht so viel, aber auf der einen Seite sind fünf Lagen Stoff zu durchstechen (zwei Flicken, doppelter UV-Schutz und eine Lange Segeltuch). Selbst mit dem Segelmacher-Handschuh keine leichte Arbeit. Birgit will sich aber nicht ablösen lassen, die letzten Stiche macht sie mit der Stirnlampe.

Um das Segel wieder hochzuziehen, führen wir das Fall, das auf der Backbordseite aus dem Mast tritt, über die Mastwinsch an Backbord. Birgit fädelt vorne das Segel ein, ich kurble. Jedenfalls so lange, bis ich die gesamte Winsch samt Kurbel in der Hand habe. Von den fünf Befestigungslöchern des Winschsockels (immerhin ein ca. 5mm starkes Bronzegussteil) sind fünf korrodiert und weggebrochen. Das war’s dann mit der Winsch. Wir denken uns eine Leinenführung aus, mit der wir das Fall über zwei Blöcke (Umlenkrollen) bis zu einer der großen Winschen im Cockpit führen können und schaffen es so, die Genua wieder zu setzen. Eingerollt, fertig.

Zugegeben – der Titel des Beitrags ist irreführend. Es ist schon nach sieben, es waren also 26 Stunden. Zeit fürs Abendessen. Eine der Lampen in der Kombüse ist kaputt. Das Birnchen ist durchgebrannt. Was soll’s.

Nein: nicht alle Tage sind so. Überhaupt nicht. Aber der Spruch: Langzeitsegeln heißt, sein Schiff an den schönsten Orten der Welt zu reparieren, kommt nicht von ungefähr.

Tahuata, Marquesas

Anfang Juli

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Ein Gitarrenakkord, dazu die Stimme der Vorsängerin: „Fatueeeh iiihh…“ und die Gemeinde fällt in den Gesang ein. Ein katholischer Gottesdienst zu Ehren des Bischofs, der die Gemeinde besucht, es ist Freitag Nachmittag, die letzten Sonnenstrahlen fallen in die kleine Kirche von Hapatoni.

Blumenschmuck überall, sieben Bankreihen, ein Mittelgang, auf jeder Seite haben 4-5 Erwachsene Platz, dazwischen wuseln Kinder herum, die Kleinsten werden immer mal wieder herum gereicht und geherzt. Weitere Stühle werden hereingebracht, jeder soll sitzen können, so auch wir Segler, die herzlich begrüsst werden. Wir verstehen nicht viel, die Lieder sind auf Marquesianisch, die rezitierten Bibeltexte ebenfalls und der Bischof predigt auf Französisch. Und von Draußen hört man die Brandung, die laut durch die Steine des Ufers rauscht.

Es wird sehr viel gesungen im Gottesdienst, mehrstimmig und stimmsicher, und ganz ohne Gesangbuch, manchmal auch im Wechselgesang der Frauen und Männer. Es klingt so schön und die Freude daran sieht man den meisten deutlich an. Eine ganz eigene familiäre Stimmung herrscht in dem Raum und hinterlässt auch bei uns einen starken Eindruck.

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Kirche von Hapatoni

Eigentlich wollten wir nach Fatu Hiva segeln, wo Thor Heyerdahl vor 80 Jahren etliche Monate zusammen mit seiner jungen Frau als Aussteiger gelebt hat und wo er seine ersten Ideen über die Besiedelung Polynesiens entwickelte, die er dann mit der Kon Tiki beweisen wollte. Aber der Wind drehte und wir hätten noch länger kreuzen müssen, so dass wir beschlossen, die nächste Insel Tahuata anzulaufen.

Hier in der Bucht Hanatefau liegen wir nun schon seit fünf Tagen, das Örtchen Hapatoni mit einer Handvoll Häuser befindet sich eine halbe Meile weiter entfernt am anderen Ende der Bucht.

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Traditionelles Boot mit Ausleger

Vor uns ein schmaler Streifen Strand, dicke graue Steine an denen sich kleine Wellen brechen, dahinter viele Kokospalmen, ihre Blätter fächern sich wie Feuerwerkskörper auf. Der Wald zieht sich die steilen Hänge hoch, alles ist grün bewachsen, in den unterschiedlichsten Schattierungen, vom tiefen satten bis zum zarten Frühlingsgrün, dazwischen rotbraun gefärbte Spitzen der Mangobäume. Immer mal wieder zieht ein Duft nach feuchter Walderde oder Blumen übers Wasser. Am Vormittag dreht eine Delfin-Familie ihre Runden, auch ein Mantarochen segelt gemächlich an den Booten vorbei, seine vegetarische Kost schaufelnd.

4TeiiHaus

Schon wenige Stunden nachdem wir den Anker in dem klaren Wasser auf Sandboden geworfen hatten, klopft es und wir werden gefragt, ob wir nicht mit an Land kommen wollen, es gibt Wildschwein. Gleich gegenüber unter den Kokospalmen ist ein kleines Häuschen zu sehen, da wohnt Tei’i seit gut zwei Jahren. Er hat vorher acht Jahre lang in Tahiti gearbeitet, nun ist er zurück und macht Kopra, wenn er nicht gerade Segler zu sich einlädt oder mit ihnen abends zum Fischen geht. Die beiden Deutschen vom Nachbarboot und ein Einhand-Segler haben schon Kokosnuss geraspelt, Taro-Wurzeln ausgegraben und als wir mit Kuchen und Kaffee dazu kommen, köcheln schon drei Töpfe auf der offenen aus Stein gemauerten Feuerstelle neben dem Haus: das Wildschwein (verwilderte Hausschweine, die gejagt werden), ein paar Bananen und die Taro-Wurzeln. Ein kleiner Blumen- und Gewürzgarten umgibt das Haus, ein paar Limettenbäume verschwinden im Schatten der Kokospalmen und frisches Wasser kommt aus einer Leitung direkt von den Bergen. Nur Strom fehlt ihm noch, die Leitungen des Dorfes reichen nicht bis hierher, darum freut sich Tei’i über Batterien für die Stirnlampe oder ein paar Leinen für sein Pferd.

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Tei’i

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Am Tag darauf nimmt er uns mit zu ein paar Obstbäumen, wir decken uns ein mit Guaven und Pommes Cythère-Früchten, bekommen eine der ersten dicken Mangos geschenkt. Im Ort selber schauen wir uns ein paar alte Steinmauern an und rätseln, was es da früher alles gegeben haben mag.

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Kopra

An einem anderen Tag wollen wir zum Hauptort der Insel, nach Vaitahu, zwei Täler weiter, irgendjemand sagte uns, in anderthalb Stunden sei man da. Ein steiniger Feldweg, immer mal wieder ein kleiner Wasserfall, ein Bächlein, das sich den Weg über die Straße sucht, denn es hat die letzten Tage nachts ordentlich geregnet. Am Wegrand viele Bananenstauden, Papayas, Mangobäume, darunter oft das Gras gemäht, Privatbesitz also, so dass wir im Vorübergehen nur eine Handvoll Limetten von den buschigen Bäumen pflücken.

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Aber der Weg zieht sich, lange Windungen bergauf, immer weiter und dann geht es steil runter nach Vaitahu. Im dortigen Museum wird gerade alles ausgeräuchert, also werfen wir nach einer Ruhepause einen Blick in die Kirche und machen uns auf den Heimweg. Wie gut, dass am Ortsrand ein Pickup vorbei kommt und uns mit nimmt, sonst wären wir erst bei Dunkelheit wieder daheim auf dem Boot. Wir sitzen auf der Ladefläche, die Beine gegen eine Blechtonne gestemmt (der Benzintank?) und lassen uns ordentlich durchschütteln.

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Kirche von Vaitahu

Es fällt mir schwer, mich von dieser schönen Insel und der friedlichen grünen Bucht zu verabschieden. Zum Schluss noch ein Geschenk: die Delfine kommen wieder vorbei, ich nehme Schnorchel und Flossen und hüpfe schnell ins Wasser, suche sie und kann sie auf einmal sehen, wie sie still nach unten schweben, in zwei Gruppen eng beieinander, wie ein gemeinsamer Schwimmkörper, 20 oder 22 zähle ich. Und nach wenigen Augenblicken verschwinden sie…

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Manfred und die Schokoladenfabrik

Auf unserem Spaziergang durch Hakahetau (Ua Pou) treffen wir zufälligerweise auf Therèse, die ihrer Tante im Dorf bei der Verarbeitung von Brotfrüchten hilft. Wir werden zum Kaffee eingeladen und erfahren, dass ihr Mann aus Deutschland sei. Mit einer schweren Tasche voller Pampelmusen und einer Brotfrucht zum Grillen verabschieden wir uns, sind aber für den nächsten Tag um 7h an der Hafenmole verabredet: sie wohnen etwa drei Kilometer weit weg, das erste Mal fahren wir mit einem Pickup das Tal hoch.

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„Manfred Ville“ lesen wir über dem Tor, zwei junge Hunde kommen den Weg herunter gerannt, außer sich vor Freude, dass Therèse wieder da ist. Blumen und bunt gemusterte Sträucher säumen den Weg zum Haus, ein kleiner Swimmingpool mit Gartenmöbeln kommt in Sicht, Obstbäume, Pflanzen in Töpfen. Hühner mit ihren Küken picken im Garten, Hähne stolzieren dazwischen herum.
Manfred muss erst die Hunde wieder beruhigen, bevor wir ihn begrüßen können.

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Manfred Drechsler

Wenig später sitzen wir alle, Jonas der Segler ist mit uns mitgekommen, in der gemütlichen Küche bei frisch gebackenem Brot und Guavenmarmelade, um uns herum wuseln Katzen und Kätzchen, und auf unsere Frage, seit wann Manfred denn hier lebt, beginnt er, aus seinem Leben zu erzählen.

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Er war Handwerker, Fliesenleger, besaß eine Sauna in der Nähe von Münster. Irgendwann hatte er zu viel Ärger um die Ohren und „die Schnauze voll“ und nach einem Bericht über die Südsee, Tahiti, beschloss er von einem Tag auf den anderen, dorthin auszuwandern. Der Neubeginn war nicht einfach, aber dann lernte er Hubschrauber und Kleinflugzeuge zu fliegen und verbrachte ein paar spannende Jahre in Tahiti. Vor zwanzig Jahren hat er zusammen mit seiner Frau Therèse dieses Grundstück gekauft und sich da ein kleines Paradies eingerichtet.

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Das Haus gebaut, den Hang gerodet, Strom kommt aus einem selbst gebastelten Kraftwerk, das Wasser aus den Felsen nutzend. Und jede Menge Obstbäume hat er angepflanzt, neben Mango, Sternfrüchten, Papaya, Pampelmusen, Orangen und Limetten hat er Macadamia-Bäume, Linsensträucher, ein paar noch kleine Kaffestauden und Kakaobäume!

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Linsenstrauch

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Makadamia-Nuß

Stolz erzählt er, wie lange er ausprobiert hat, um die richtige Konsistenz für seine Schokolade zu finden und die passende Füllung für Pralinen dazu. Dann holt er aus dem Kühlschrank die Formen und lässt uns probieren: ein Gedicht! Dunkelste Schokolade mit Limettenfüllung und Ganasche. Und seine neueste Kreation, Pralinen mit einer Füllung aus Macadamia-Nüssen. Wir sind begeistert und kaufen etliche Pralinen und Schokolade pur als Tafel. Im Kühlschrank hält sie sich wunderbar.

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Pralinen mit Limettenfüllung

Manfred zeigt uns noch einen Artikel in der Zeitschrift „Klettern“ und einen langen Bericht im Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins von 1999 über Bergsteigen auf den Marquesas. Zwei deutsche Bergsteiger sind in dem Jahr die imposanten Felsen von Ua Pou das erste Mal hochgeklettert. Sie campierten bei Manfred im Garten und einer von ihnen drehte dann noch einen Film, den wir uns gemeinsam anschauen.

Therèse und Manfred packen uns zwei schwere Taschen voller Obst ein, das uns später mit dem Pickup nachgeliefert wird. Wir laufen den Weg zurück zu Fuß hinunter.

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Am nächsten Tag gehen wir noch mal zu ihnen hoch mit frisch gemahlenem Vollkornmehl (Weizen, Roggen) und Trockensauerteig. Vorher noch machen wir einen Abstecher zum Wasserfall, zusammen mit den drei schwedischen Seglern. Die letzten Meter müssen wir über ein paar Felsen klettern, jede Menge Stechmücken überlisten, aber das Wasser in dem Naturschwimmbecken vor dem Wasserfall ist herrlich erfrischend!

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Bambus wächst hier in den Bergen! Mit der Machete bewaffnet schlägt Andreas eine Stange davon ab, wir können sie gut zum Ausbaumen der Segel bei leichtem Wind verwenden.

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Ich würde, wie immer, gerne noch länger bleiben, an diesem ersten Juliwochenende beginnen die ersten Feste, aber am Samstag wollen wir los, es gibt Wind mit einer Nordkomponente, der uns zur nächsten Insel bringen soll – auf nach Fatu Hiva!

Ua Pou, Marquesas

1Anfahrt

Ua Pou (23.06. – 02.07.2016)

Schon von Weitem kann man bei der Anfahrt auf die Insel Ua Pou die Zuckerhüte erkennen– meistens ist der höchste Berg in Wolken gehüllt.

In den nächsten Tagen geht unser erster Blick in der Früh immer die Berge hoch, jedes Mal ein anderes Schauspiel von Licht, Schatten und Wolken.

Hinter dem Wellenbrecher wird an der Hafenanlage von Hakahau gearbeitet, den engen Platz zum Ankern teilen wir uns mit einer Handvoll Booten. Auf Ua Pou leben etwa 2000 Menschen, die Hälfte davon in Hakahau, der Ort zieht sich in einem breiten Tal die Hänge hoch.

Neben dem mit Blumen geschmückten Rathaus, in dem die Angestellten Blumenketten tragen oder eine Blume hinter dem Ohr (Männer wie Frauen), befindet sich das Haus der Kunsthandwerker, drinnen der Verkaufsraum. Draußen im schönen Innenhof wird an Holzstücken geschnitzt. Gegenüber kann man im Café der Kooperative Kaffee trinken, zu Mittag essen. Etliche Marmeladen und Honig werden angeboten, aber außer ein paar Pampelmusen, gibt es nichts Frisches zu kaufen. Die Menschen hier sind alle Selbstversorger oder verschiffen ihre Produkte nach Tahiti und es kommen wohl zu wenig Segler vorbei, um einen solchen Markt am Leben zu erhalten.

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Wir spazieren durch den Ort, überall schöne gepflegte Gärten mit Obstbäumen, Brotfrüchte hängen schwer herunter, Blumen überall, kunstvoll angelegte Sträucher statt Zäunen. Auf einer Veranda hängen Bananenstauden zum Reifen, daneben ein paar Brotfrüchte. Eine vorsichtige Frage an die Frauen, die gemütlich im Schatten sitzen, ob wir eine der Brotfrüchte kaufen könnten. Nein, das geht nicht, sie wird uns einfach geschenkt!

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Wir holen frisches Baguette von der Boulangerie, finden zwei Supermärkte und die Kirche. Die ist, genau wie der Versammlungsraum am Ufer weiter unten, mit lilafarbenen Girlanden und weißen Blumen geschmückt, sogar die hölzerne Jesus-Figur über dem Altar trägt eine Blumengirlande, denn später am Tag findet eine Hochzeit statt. Bekannt ist diese Kirche für die Schnitzereien am Fuß der Kanzel – ein Netz voller Getier und menschlicher Figuren.

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Auf dem Weg zur nächsten Bucht genießen wir das schöne Panorama der Insel und staunen über die winzige direkt am Hang gelegene Piste des Flughafens. Durchstarten geht nicht, da muss die Landung genau erfolgen.

10Flughafen

Hakahetau gefällt uns ausgesprochen gut! Vom Dörfchen sieht man erst einmal kaum was, so viele Bäume stehen am Ufer. Nur eine kleine Kirchturmspitze ragt hervor und aus dem kleinen Versammlungsraum hören wir Trommeln und Gesänge, die Kinder üben Tänze ein.

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Überrascht entdecken wir gleich am Strand zwei große Schautafeln: eine über die schützenswerte Fauna und Flora der Insel, die andere mit einem Plan des Dorfes und des Tales, die Sehenswürdigkeiten aufgelistet, die Wanderwege, zwei Wasserfälle, die archäologische Stätte. Alles in Marquesianisch, auf der Rückseite in Französisch und Englisch erklärt. Weitere Tafeln sind im Ort verteilt, z.B. über die besondere Form der Felsentürme von Ua Pou, vulkanischen Ursprungs, die Lava wurde wie ein Pfropfen nach oben gepresst. Uns erinnern die Felsen an die der Seiser Alm in Südtirol, hier im Miniaturformat.

11Hakahetau

Direkt an der kleinen Hafenmole ist ein hoher hellgelber Felsen mit ausgewaschenen Mulden davor – ein idealer Grillplatz, so ganz ohne Sandfliegen. Wir verabreden uns tags darauf mit Jonas, einem schwedischen Einhandsegler, ein junges schwedisches Paar kommt dazu. In der Abendsonne glüht der Felsen, später im Schein des Feuers. Die Fragen über das Wohin und Woher, Reparaturen am Boot, Tipps für die Weiterreise füllen den Abend, wir könnten noch länger da sitzen. Aber dann ist das Feuer so langsam herunter gebrannt und der Kopf brummt schon etwas vom selbst gebrauten Bier, das der Nachtwächter am Hafen mit uns teilt, und wir teilen mit ihm unser „Balboa“-Bier von Panama.

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Ziege in Kokosmilch

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Wenige Meilen entfernt vom Hauptort der Insel Nuku Hiva liegt eine einladende Bucht, die nur mit dem Boot zu erreichen ist. Hier liegen wir sicher vor Anker, zwei malerische Täler vor uns, Hakatea, mit einem kleinen Streifen Sandstrand und Hakaui, das tief ins Landesinnere führt, bis zu dem spektakulären Wasserfall, den Andreas bereits im vorherigen Beitrag beschrieben hat. Auf der einen Seite erheben sich schroffe scharfkantige Felsen, hinter denen die Nachmittagssonne schon früh verschwindet.

Gleich das erste Haus im Tal gehört Kua und Teiki, umgeben von einem großen schön gepflegten Garten, mit Obstbäumen, blühenden Sträuchern und Kräuterinseln, eine Idylle. Hühner laufen frei herum, an einem Baum angebunden, verspeist das Hausschwein genüsslich die leicht vergorenen Sternfrüchte.

Bei Kua und Teiki kann man mittags köstlich essen, am besten meldet man sich einen Tag vorher an: dann gibt es wahlweise Süßwasser-Krabben, die in der Nacht davor einzeln(!) im Bach gefangen wurden, oder aber wilde Ziege, die Teiki in den Bergen gejagt hat. Beides wird in Kokosmilch gekocht. Dazu gibt es Reis, Taro-Wurzeln aus dem Tal, frittierte Brotfrucht und gelbe süße Bananen, Salat aus grünen Papayas, zum Durstlöschen Limettensaft und zum Abschluss einen Fruchtsalat. Alles frisch aus dem Tal.

Auch wir sitzen mittags gemütlich bei ihnen am Tisch, zusammen mit der jungen Mannschaft des dänischen Segelschiffes „Nordkaperen“, eine fröhliche Gesellschaft. Den jungen Leuten schmeckt es so gut, dass sie sich für den nächsten Tag gleich noch einmal zum Essen anmelden.

Die anderen Muktuks kennen Kua und Teiki bereits von ihrem letzten Aufenthalt vor drei Jahren, sie sind mit ihnen befreundet und wir werden ganz selbstverständlich mit einbezogen.

So auch zu einem gemeinsamen Abend an Land. Christiana, die Freundin von Alexandra und Karl, die aus Österreich gerade zu Besuch ist. Teiki geht mittags in die Berge, um eine Ziege zu jagen, die auf den Grill kommt,  die Segler sorgen für die Beilagen und den Nachtisch. Es wird ein unvergesslich schöner und gemütlicher Abend!

Abend
Mit Jan und Noah

Kua hat einen Auftrag, Palmwedel für das Dach des Yachtservice in Taiohae zu flechten, wir dürfen mithelfen. Unter der geduldigen Anleitung von Kua darf jede von uns mit einen Zweig üben, am geschicktesten aber stellt sich Noah an, er hat den Dreh am schnellsten raus.

alleFlechten
Christiana, Birgit, Kua, Alexandra und Noah

Kua
Kua

JanTeikiKarl
Jan, Teiki und Karl

Wie aber sollen die Palmwedel nach Taiohae gelangen? So lange die anderen Muktuks da sind, müssen Kua und Teiki nicht extra ein Motorboot mieten, sie übernehmen etliche Male den Transport von wahlweise Palmwedeln, Säcken voller Limetten und Kopra für den Markt in Tahiti. Bei Hochwasser kommt erst alles ins Dinghi, dann an Bord und zusammen mit Kua und Teiki geht es in die Inselhauptstadt. Auch wir springen einmal ein und bringen die beiden zurück in ihre Bucht nach Hakaui. Immer mit dabei das kleine Hündchen und die große Kühlbox, auf dem Rückweg mit Vorräten und Eis gefüllt.

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Teiki

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Teiki und Kua

Kua ist die Liebenswürdigkeit in Person, sie strahlt eine solche Herzlichkeit und Ruhe aus, organisiert und behält den Überblick. Ihrer Großfamilie gehört seit Jahrhunderten der Grund in dem Tal „der Könige“. Ihr Mann Teiki steckt voller Energie, ist lebhaft und gleichzeitig konzentriert bei allem, was er tut. Er kann sich ohne Probleme mit uns unterhalten, in einer wilden Mischung aus Französisch und Englisch. Beide müssen unglaublich viel arbeiten, nicht nur den großen Garten in Stand halten und die Segler verköstigen, weiter hoch im Tal haben sie Limettenbäume, Bananenstauden, Papayas, Pampelmusen und Pommes Cytheres, die gepflegt und geerntet werden müssen. Und nicht zuletzt die vielen Kokospalmen: das Fleisch der Kokosnüsse, wird getrocknet, zu Kopra verarbeitet und nach Tahiti weiter verschifft.

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Pampelmusen

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Papaya

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Peperoni

Und noch etwas, für Segler: Bei ihnen kann man sich wunderbar mit frischem Obst eindecken, bevor man die nächste längere Überfahrt in Richtung Tahiti plant – Bananenstauden, säckeweise Pampelmusen, Sternfrüchte und Limetten. Kaufen oder Tauschen, beides ist möglich. Und es gibt gutes Wasser aus den Bergen, das man in die Tanks füllen kann: Gleich bei der ersten Hütte, wenn man den Fluss ein Stück hoch fährt, befindet sich der Wasserhahn.

Wasserfall

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Gut zwei Stunden dauert die Wanderung von Hakatea zu den Wasserfällen im Inselinneren. Gut zwei Stunden hat es in Strömen geregnet. Den Namen Wasserfall-Wanderung hat sich die Tour nicht nur am Ende verdient. Aber so ein warmer Tropenregen ist schon etwas Besonderes. Es wird einem ja nicht etwa kalt. Man ist einfach nur nass.

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Der schmale Pfad führt durch den Regenwald (!) und ist teilweise nur schwer auszumachen. Mitten im Wald finden wir Überreste von Mauern und Anpflanzungen. Kein Wunder, haben doch hier auf den Marquesas (je nach Quelle) vor der Kolonialisierung über 100.000 Menschen gelebt; 1920 waren es nur noch 1.500.

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Einige Male müssen wir – bis zu den Knien im Wasser – den Bach durchwaten. Weiter im Tal rücken die Felswände immer näher zusammen. Der mehrere hundert Meter hohe Wasserfall (angeblich der dritthöchste der Welt) ist nie auf einmal zur Gänze sichtbar: erst sieht man den oberen Teil, dann den mittleren. Den untersten Teil bekommen wir gar nicht zu Gesicht. Der Weg dahin führt zwar über eine breite Wiese, aber auf der linken Seite ragt die Felswand weit überhängend in die Höhe. Durch die vielen Regenfälle ist die Steinschlaggefahr extrem hoch, und die Wiese ist übersät mit frischen Einschlag-Kratern samt der dazugehörigen tonnenschweren Felsbrocken. Wir treten lieber den geordneten Rückzug an.

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Der Regen hört auf dem Rückweg auf, aber mittlerweile ist der Weg an vielen Stellen überschwemmt und wir laufen mehr durchs Wasser als um die Pfützen herum. Gut, dass wir unsere wasserfesten Wandersandalen haben. Am Ende können wir in einem natürlichen Swimming-Pool in einem Bach erfrischen und die Schlammkrusten von den Beinen loswerden, bevor wir zusammen mit einigen Seglern von der „Nordkaperen“ bei Kua und Teiki zum Mittagessen erwartet werden. Ziege in Kokosmilch und Süßwassergarnelen, Reis, Kochbananen, Yamswurzeln, Papayasalat. Köstlich!