Fawn Harbour und die Kauri-Schnecken

Eigentlich nur ein Zwischenstopp auf dem Weg von Savusavu zur Viani Bay, liegt Fawn Harbour gut geschützt hinter einem langgestreckten Riff, das bei Hochwasser überspült wird. Eine verwinkelte, aber breite und gut navigierbare Einfahrt führt hinein.

Ich mache das Beiboot klar und fahre an Land, um Sevusevu zu machen. Das ist die traditionelle Vorstellung beim Dorfältesten, das vorgeschriebene Päckchen Kava und ein paar Lebensmittel als Gastgeschenk dürfen natürlich nicht fehlen. „You are welcome“ – das Geschenk war also angemessen. Wir unterhalten uns eine Weile, und ich lade den Chief und seine Kinder zum Gegenbesuch aufs Boot ein.

Als sie uns am nächsten Morgen tatsächlich besuchen, sprechen wir übers Fischen, übers Leben in Deutschland und auf Fidschi, am Ende fragen wir, ob es hier am Strand auch Muscheln zu finden gibt. Wir meinen die kleinen „cockles“, die wir seit Neuseeland immer aus dem Sand ausgraben. Der Chief meint, es gäbe schon welche, das müssten sie uns aber zeigen. Wir sollen mitkommen. Wir fahren mit seinem kleinen Fischerbötchen zum Riff, es ist fast Niedrigwasser und wir laufen zwischen Korallen und Pfützen herum. So viel gibt es zu sehen, es ist wie schnorcheln ohne nass zu werden: Seesterne, kleine Seeaale, die von uns aufgescheucht davon flitzen, Krebse, Kammmuscheln, kleine Fische. Ohne die Kinder des Chiefs, die uns begleiten, hätten wir sie allerdings nicht entdeckt, die großen Muscheln und Kauri-Schnecken. Hat man aber erst einmal den Blick heraus, macht das Muschelsammeln so viel Spaß wie das Pilzesuchen in den heimischen Wäldern. Dort in einem Felsloch, hier unter einem kleinen Überhang, noch eine und noch eine. Bald haben wir ein Dutzend der handtellergroßen Schönheiten beisammen.


Kauri-Schecken (es sind wirklich keine Muscheln) waren lange Zeit in der Südsee Zahlungsmittel. Das chinesische Schriftzeichen für Geld ist eine stilisierte Kaurischnecke. Und weil ihr Gehäuse so schön durchscheinend und glänzend ist, wurde das Porzellan nach dem italienischen Name für die Kauri – „porcellana“ – benannt.

Warum sie so glänzt, haben wir nachts herausgefunden. Wir haben in den Eimer, in dem wir die Tierchen in Seewasser zwischengelagert haben, mit der Taschenlampe hineingeleuchtet. Die Kauri hat nicht nur einen klassisch schneckigen Saugfuß ausgefahren, sondern eine dünne Hautschicht über beide Seiten ihrer Schale hochgezogen, bis die beiden Hauthälften sich oben am Rücken wieder treffen. Das hält die Schale sauber und baut immer neue Kalkschichten auf. Kleine Tentakeln wachsen auch noch aus diesem Häutchen, eventuell zur Nahrungsaufnahme?

Bleibt nur noch das Problem, wie wir die Schalen schneckenfrei bekommen. Angeblich kann man sie für ein paar Wochen in Sand eingraben, dann werden sie wohl leergefressen. Mit einem Ameisenhaufen in der Nähe wird das wohl schneller gehen. Haben wir aber gerade keinen, und wir wollen bald Richtung Vanuatu aufbrechen. Unsere Lösung: wir haben sie gekocht, mit einem Draht so viel wie möglich Fleisch heraus gepuhlt, den Rest wecken wir ein, darin haben wir ja Übung. Und irgendwann werden wir schon einen Ameisenhaufen finden, dann machen wir die Gläser auf.

Fidschi: Bula – Vinaka!

„Bula!“ – ist das erste Wort, das wir in Fidschi lernen. So werden wir überall mit einem breiten Lächeln und Winken begrüßt und solcherart grüßen und lächeln wir zurück. Und „Vinaka“, Danke, lernen wir auch schnell.

Von Neuseeland bis Fidschi haben wir 16 Tage gebraucht, nun sind wir in den Tropen angekommen. Erste Station ist Vanua Levu, die kleinere der beiden Hauptinseln von Fidschi, hier klarieren wir im Örtchen Savusavu ein und liegen an einer Mooring-Boje der Copra Shed Marina. Tropisch warm ist es nur tagsüber und meistens weht von den hohen Bergen eine kühlende Brise herunter.

Ja, wir sind tatsächlich wieder in den Tropen, das Angebot  an Obst und Gemüse auf dem Markt ist exotisch, das Straßenbild ebenso. Wir laufen die ersten Tage mit großen Augen durch die Hauptstraße und würden am liebsten alles und jedes fotografieren.

Fidschi gehört schon zu Melanesien, die Menschen hier unterscheiden sich in Kultur, Sprache und Aussehen von den Einwohnern der Polynesischen Inseln, die wir vor zwei Jahren bereist haben. Hier in Fidschi lebt aber auch eine große Anzahl von Indern. Sie  wurden Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten als Hilfsarbeiter für die Zuckerrohrplantagen angeworben, die meisten von ihnen holten ihre Familien nach und ließen sich auf Fidschi nieder. Da sie kein Land erwerben durften, höchstens pachten, haben sich viele Inder auf den Handel und das Transportwesen verlegt. Es ist also eine wirklich bunte Mischung: Fidschianerinnen in langen Röcken mit den geblümten Mustern der Südsee und dazwischen Inderinnen in traditionellen Saris, mit einem roten Punkt über der Nasenwurzel.

Jede der beiden Bevölkerungsgruppen spricht ihre eigene Sprache, Fidschi bzw. Fidschi-Hindi und alle können gut Englisch, so dass wir uns problemlos verständigen können.

Der große Markt ist jeden Tag geöffnet, aber  am Samstag ist es eine ganz besondere Schau!


Besen

Kava-Wurzeln

Wir klappern gleich am ersten Tag alle Läden in der Hauptstraße ab, Supermärkte, Baumärkte und Bekleidungsgeschäfte, und finden doch tatsächlich einen Satz von vier Bord-Batterien, die sogar ohne größere Umbauten in die Muktuk passen. Die alten Batterien sind noch gut, schwächelten nur ein bisschen in letzter Zeit und so haben wir sicher verstaut und hoffen, sie irgendwo auf einer abgelegenen Insel verschenken zu können.

So vertreiben wir uns die erste Zeit auf Fidschi, tagsüber mit nötigen und auch unnötigen Reparaturen an Bord und abends bei einem Bierchen in der Copra Shed Marina in sehr netter Gesellschaft von Seglern, die nach und nach hier eintrudeln. Einigen von ihnen haben wir bereits in Neuseeland kennen gelernt, andere wiederum erst hier.

Und irgendwann ist es genug mit Arbeiten: wir fahren in einem Mietwagen mit Seglern (jeweils ein Paar aus Großbritannien, den USA und Kanada, und wir dazu) gemeinsam einen Tag lang auf der Insel herum. Die Landschaft ist abwechslungsreich, kleine Dörfer mit Häusern auf Stelzen, Gärten mit Papaya-Bäumen drum herum, Zuckerrohr-Felder, Regenwald… Mittags sind wir in der Palmlea-Lodge angemeldet bei einem ehemaligen Seglerpaar, die sich auf Fidschi nieder gelassen haben und ein wunderschönes Haus mit Restaurant und Ferienwohnungen gebaut haben: mit Blick aufs Meer und das vorgelagerte Riff und mit einem eigenen Anleger am Meeresufer. Wir machen noch einen Abstecher nach Labasa, der Hauptstadt der Insel und da geht es in den Straßen richtig trubelig zu, weil gerade die Schüler alle nachmittags nach Hause gehen bzw. zum Busbahnhof, wo ein Polizist mit stoischer Ruhe versucht, einen Bus nach dem anderen auf den Weg zu bringen.


Basilikum


Markt in Labasa

Tags darauf stehen wir ganz früh auf, um mit dem ersten Morgenlicht aus Savusavu raus zu tuckern, wir wollen endlich auch ein paar Ankerbuchten erkunden…


Viani Bay


Sportstunde in der Allgemeinschule in Viani Bay

Raststätte Minerva Nord

Nein, tanken kann man hier nicht. Auch Toiletten oder ein Restaurant wird man vergeblich suchen. Trotzdem ist das nördliche der beiden Minerva-Riffe ein beliebter Zwischenhalt, wo Segler, die von Neuseeland nach Tonga oder Fidschi unterwegs sind, Station machen können.
Mitten im Nirgendwo (genauer auf 23°37’S 178°55’W) liegen die beiden Atolle, das nördliche fast kreisrund mit zweieinhalb Meilen Durchmesser, wo man – so man erst einmal drin ist – geschützt vor den Wellen des Ozeans in ruhigem Wasser ankern, einen eventuellen Sturm abwettern oder sich einfach mal wieder ausschlafen kann. Und da sind wir jetzt, zusammen mit einer Handvoll anderer Segler.
Die Amerikaner haben im 2. Weltkrieg einen sicheren Platz für ihre Kriegsschiffe gesucht, und eine ca. 150 Meter breite Lücke in das Korallenriff gesprengt, deshalb können wir heute problemlos hineinfahren. Eine andere Ein- bzw. Ausfahrt gibt es nicht.
Wir haben zehn Tage bis hierher gebraucht, sind also wie immer langsam unterwegs. An Wetter hatten wir fast alles, von Rauschefahrt bis Dümpeln, von Schmetterling bis hart am Wind, von Flaute bis Windstärke acht. Zwei Nächte Erholung wollen wir uns hier gönnen; am Sonntag soll es nach Fidschi weitergehen.
Wir hoffen, morgen früh bei Niedrigwasser mit dem Beiboot aufs Riff hinausfahren zu können – angeblich gibt es hier reichlich Hummer einzusammeln. Mal sehen, ob wir Glück haben.

Abschied und Aufbruch

Anderthalb Jahre waren wir in Neuseeland. Es sind uns schon ein paar Wurzeln gewachsen, der Abschied fällt uns nicht leicht.

Aber das kleine Häuflein übriggebliebener Boote, also alle die den Absprung zu den tropischen Inseln im Norden noch nicht geschafft haben, scharren ungeduldig mit den Seehufen und warten auf das nächste passende Wetterfenster. Für die meisten, uns eingeschlossen, ist es morgen soweit. Ein Tief zieht heute noch durch, seine Rückseite gibt uns noch zwei Tage lang guten Wind, dann versuchen wir an der Ostseite eines großräumigen Hochs nach Norden zu kommen. Es sieht nach einer langsamen, schwachwindigen Überfahrt aus, zumindest in der ersten Woche. Mal sehen was danach kommt, mindestens zwei, eher drei Wochen werden wir wohl für die 1200 Meilen bis Fiji brauchen.

Die Einkäufe sind verstaut, die neuen Starterbatterien eingebaut, das letzte Holz verfeuert, der neue Windmesser ist im Masttop montiert und angeschlossen. Morgen nach dem Ausklarieren wollen wir noch zollfrei Diesel tanken, Wasser auffüllen und dann geht es los. Ziel: jeden Tag ein Grad wärmer.

Knapp daneben

Rund 540 sm sind es von Havelock nach Opua in der Bay of Islands, wo wir letzte Einkäufe und Reparaturen erledigen und am Schluss ausklarieren wollen. 540 sm jedenfalls, wenn man die kürzere Route nimmt: die Westküste der Nordinsel hinauf, ums Kap Reinga und das Nordkap herum und die Ostküste wieder ein Stück hinunter. Und so ähnlich haben wir es auch gemacht.

Es ging allerdings erst einmal damit los, dass es nicht losging. Die Starterbatterien sind tot und müssen in Opua ausgetauscht werden. Nur wenn man stattdessen die Bordbatterien auf den Anlasser schaltet, startet der Motor. Die Starterbatterien lassen sich aber auch nach langer Ladezeit nicht füllen. So müssen wir also sehr aufpassen, dass wir nicht zu viel Strom verbrauchen, denn sonst geht der Motor gar nicht mehr an (und die Bordbatterien können nicht wieder geladen werden).

Die Wetterprognose ist mittelprächtig: erst soll es zwei Tage Südwind geben – gut für uns beim Weg die Westküste nordwärts. Der übliche Sturm aus der Cook Strait beschert uns allerdings gleich mal drei Meter Welle bei Wind von hinten, und das heißt „Geige“: das Schiff rollt im fünf Sekunden Takt mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Alles rollt weg, fällt um, rutscht runter. Uns eingeschlossen beim Versuch, ab und zu mal zu schlafen.

Dann fängt die Flaute an, wir müssen motoren, 48 Stunden Gebrumm, aber immerhin auf ebenem Kiel. Dummerweise erreichen wir die beiden Kaps im Norden zum ungünstigen Zeitpunkt der Tide: sechs Stunden lang strömt das Wasser im Gegenuhrzeigersinn um die Kaps, wir müssen – natürlich – im Uhrzeigersinn herum. Für die Strecke von 30 sm brauchen wir 14 Stunden.

Für die letzten 120 sm die Ostküste hinunter sind 5-6 Bft Nordost vorhergesagt. Das würde vom Kurs her genau passen, Halbwind bzw. Voll und Bei, wir rechnen mit einer Geschwindigkeit von 6 Knoten und könnten am Freitagabend beim letzten Büchsenlicht in Opua einlaufen. Nur leider hat Rasmus den Wetterbericht wohl nicht gelesen. Statt aus Nordost kommt der Wind aus Ostsüdost. Statt sechs Knoten schaffen wir eher zwei, egal ob wir unter Segeln kreuzen oder unter Maschine gegenan knüppeln. Dazu steht eine See, die eher zu 7 als zu 5-6 Bft passt. Schlafen kann da auch keiner (Bewegung diesmal auf und ab statt hin und her), und bis Opua bräuchten wir bei der Geschwindigkeit über zwei Tage. Außerdem steht für Samstag/Sonntag ein ordentlicher Sturm mit Wind bis 40 Knoten zu erwarten, den wir dann abbekommen würden.

Kurz und gut: Opua ist erstmal nicht zu erreichen, 60 sm vorher gibt es einen kleinen Ort namens Mangonui, und in dem sind wir nun wohlbehalten, aber recht erschöpft gelandet. Hier werden wir den Sturm abwarten und in ein paar Tagen dann hoffentlich nach Opua weiterfahren.

Havelock

Auf dem Herd köchelt eine Kartoffelsuppe, die Rindsuppe ist schon fertig, es ist der letzte Abend im Hafen von Havelock, morgen in der Früh legen wir bei Hochwasser ab und tuckern die 30 sm aus den Marlborough Sounds raus.

Havelock macht sich langsam für den Winterschlaf bereit, ein paar Restaurants haben schon zu gemacht, es sind kaum noch Touristen zu sehen, die sich mittags für eine Schale Muscheln gemütlich hinsetzen oder mit dem Pelorus Mail Boat ein paar Stunden lang durch die Sounds fahren. Auch ist an der Rampe an den Wochenenden nicht mehr viel Betrieb: nur noch vereinzelt fahren Einheimische mit ihren Motorbooten raus zum Angeln.

Und doch verstehen es die Menschen hier, sich die Zeit angenehm zu vertreiben: das Faltblatt mit den Veranstaltungen des Monats kündigt ein Treffen des örtlichen Wein-Clubs im Restaurant „Captains Daughter“ an, ein fünf-Gänge-Menü und fünf Weine eines Weingutes dazu. Reservierung erwünscht. Das Hinterland der Marlborough Sounds gilt als das weltweit bekannteste Weinanbaugebiet Neuseelands. Wir melden uns auch an und werden am Abend herzlich in der großen Runde aufgenommen. An mehreren langen festlich gedeckten Tischen sitzen wir und werden sogleich ausgefragt, nach dem Woher und Wohin. Man kommt immer wieder so leicht ins Gespräch mit den Menschen hier! Ein schöner Abend!

Es ist Spätherbst, die Luft ist wunderbar kalt und klar und heute haben wir in der Ferne die ersten schneebedeckten Berge gesehen. Zeit, also, los zu ziehen, auch wenn ich mir gut vorstellen könnte, in dieser ruhigen Ecke zu überwintern.

Aber nun ist ein gutes Wetterfenster da und wenn die Vorhersage so bleibt, können wir in fünf bis sechs Tagen die Westküste der Nordinsel hoch segeln zur Bay of Islands, bevor das nächste Tief heran rauscht.

 

Zu früh gefreut

Palmen, tropische Wärme, Sandalen statt Halbschuhe, Socken ade, das waren unsere Vorstellungen, als wir vor ein paar Tagen im Flieger saßen. Nur noch kurz von Havelock nach Opua raufsegeln, einkaufen, ausklarieren und ab in den Norden…
Im Moment sieht es noch ein bisschen anders aus. Die Wettervorhersage wirft einen Sturm nach dem anderen aus dem Südpazifik auf Neuseeland, Wellenhöhen von acht Metern an der Westlüste, sechs Meter an der Ostküste, da wollen wir sicher nicht freiwillig raus. Bis zum Ende des Vorhersagezeitraums in acht Tagen keine Besserung in Sicht. Seebeine haben wir ja auch keine mehr, nach über drei Monaten flachem Wasser bzw. Münchener Festland.

Also heißt es warten auf besseres Wetter. Mal sehen, ob das im beginnenden neuseeländischen Winter irgendwann mal kommt. Aber langweilig wird uns nicht, denn Muktuk hat uns mit einer kleinen Überraschung empfangen. Einer der backbordseitigen Wassertanks hat ein kleines Leck bekommen, und so schwappten in den letzten Wochen rund sechzig Liter Wasser in der Bilge herum. Da ist dann das große Programm angesagt: halbe Küche demontieren, drei Wassertanks ausbauen, das Leck abdichten, die Bilgen trockenlegen, den Siff aus Rost, Fett und Wasser wegkratzen, neu fetten, Wassertanks von außen mit drei Lagen Epoxy entlang aller Schweißnähte lackieren, in der Hoffnung damit alle bestehenden und kommenden Löcher abzudichten, Tanks nach Prüfung der Dichtigkeit wieder einbauen, Küche wieder montieren und einräumen…

Eine Menge Arbeit, die gar nicht auf unseren Arbeitslisten stand. Aber vielleicht sieht das Wetter ja besser aus, wenn die Tanks wieder drin sind.

Wellington – ein Rückblick

16. – 23. Januar 2018

Frühmorgens passieren wir Cape Palliser und erreichen damit offiziell die berühmt-berüchtigte Cook Strait. Aufgeregt sind wir schon ein bisschen, aber das Wetter spielt mit, die See ist ruhig und nach zwei Mal rechts abbiegen sehen wir schon die Skyline von Wellington.

Wellington liegt gut geschützt in einer Bucht, ein Teil des Ufers wird Oriental Bay genannt und ist ein Strand: eine Hauptstadt mit Sandstrand! An einem sonnigen Tag wie diesem mitten in den Sommerferien geht es lebhaft und laut zu. Familien sitzen im Sand, Kinder hüpfen ins Wasser oder holen sich ein Eis in einem der vielen Cafés an der Uferstraße. Kein Wunder, dass es hier so entspannt zugeht. Im Prinzip könnte man einfach mal in der Mittagspause baden gehen… Auch soll sich von Wellington aus die wunderbare Kaffee-Kultur in Neuseeland ausgebreitet haben. Wir fühlen uns sofortwohl in dieser Stadt.

Das Stadtzentrum ist nicht groß, alles ist fußläufig zu erreichen, wenn man die Uferpromenade entlang geht, die sich vom Sandstrand aus bis zum anderen Ende der Bucht mit dem Industriehafen erstreckt, kommt man erst an einem kleinen Hafen für Segelboote vorbei, dann stehen da ein paar Museen, Restaurants und Cafés mit Meeresblick. Parallel dazu verläuft die Einkaufsmeile, die sich durch das Zentrum schlängelt und dazwischen befindet sich das großzügig angelegte Civic Center, mit der Stadtbibliothek und der städtischer Galerie und über allem, oben am Berg liegt der Botanische Garten.

Die Architektur der Stadt ist die reinste Stilmischung: hübsche kleine Holzhäuser im viktorianischen Stil, die fast wie Puppenhäuser wirken, mit kleinen Vorgärten voller Blumen, in der Innenstadt dagegen stehen viele große Bauten im Art Decó Stil der Zwischenkriegszeit, als es Wellington wirtschaftlich gut ging, Banken, Versicherungen, Behörden wurden darin untergebracht, und viel später erst kamen die Hochhäuser hinzu, die seit den 1990er Jahren gebaut wurden.

Jetzt im Sommer ist viel los in der Stadt: zwei Wochen lang findet jeden Abend ein Konzert im Botanischen Garten statt, eine Lichtshow gibt es dazu, Bäume und Sträucher werden bunt und abwechslungsreich angestrahlt. Mit dem Cable-Car kann man von der Hauptstraße hoch zum Botanischen Garten fahren, zum Space Place, Museum und Planetarium in einem. Am Wochenende feiern sich die Einwanderer und Gastarbeiter der pazifischen Südseeinseln Tonga, Samoa, Fidschi uvm. mit einem eigenen Festival, dem Pasifiska. Eine große Musikbühne ist aufgebaut, dazu Essenstände, Sportwettbewerbe finden statt, überall beste Stimmung.

Das Te Papa Museum wirbt damit, Neuseelands größtes und bedeutendstes Museum zu sein: in einem Neubau mit sechs Stockwerken zeigt es die Geschichte und Natur Neuseelands und viel Kunst und Kunsthandwerk. Der größte Riesentintenfisch, der jemals aus dem Meer gefischt wurde, ist zu bewundern (10m lang und 495kg schwer war er), ebenso wie eine schöne Ausstellung über die Geschichte und Kunst der Maori aus der Gegend.

Ein paar hundert Meter weiter ist das viel kleinere Stadtmuseum, das die Geschichte Wellingtons chronologisch einprägsam präsentiert: Te Upoko o te Ika a Maui – Der Kopf von Mauis Fisch, so bezeichneten die Maori diese Bucht, als sie um 925 n. Chr. das erste Mal hier landeten. Später wurde eine Siedlung gegründet, Te Whanganui-a-Tara – der große Hafen von Tara, und das ist auch heute noch der Name Wellingtons in der Maori Sprache. Verschiedene Stämme lebten in diesem Gebiet in den folgenden Jahrhunderten, mal schlossen sie sich zusammen, dann wieder bekämpften sie sich, bis sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihr Land verloren und den europäischen Siedlern weichen mussten.

Die New Zealand Company brachte 1840 das erste Schiff mit Einwanderern hierher und gründete den Ort Wellington, nach dem ersten Duke of Wellington benannt. Schon 25 Jahre später, 1865 wurde die Hauptstadt von Auckland nach Wellington verlegt. Sie sollte geographisch in der Mitte liegen und die beiden Inseln miteinander verbinden, war das Argument damals wie heute.

Neuseeland gehört noch zum Commonwealth und nennt Queen Elisabeth II. ihr Oberhaupt, ist ansonsten aber ein eigenständiger Staat. Der Parlamentsbetrieb selber ist noch in vielen seiner Regeln an das Britische Unterhaus angelehnt, auch der Plenarsaal sieht dem britischen Vorbild sehr ähnlich, mit einem Unterschied, dass der „Speaker“ hier in Neuseeland seinen Sitz und Rückenlehne mit einem hellen Schaf-Fell ausgepolstert hat; und dass schon vor geraumer Zeit das Oberhaus abgeschafft wurde. Dafür wird in Neuseeland inzwischen genauso wie in Deutschland gewählt, mit Erst- und Zweitstimme, Verhältniswahlrecht, Überhangmandaten und 5%-Hürde.

Letzten Oktober gab es Wahlen, am gleichen Wochenende wie in Deutschland, die Regierung wurde sehr schnell gebildet, eine Koalition aus Labour, New Zealand First und Grünen. Just in der Woche, als wir in Wellington waren, erklärte die junge dynamische Premierministerin, dass sie schwanger sei und im Juli ihr Baby zur Welt kommen soll!
Alle freuten sich mit ihr!

Das Parlamentsgebäude mit Plenarsaal und Sitzungsräumen ist durch und durch viktorianisch und auch nach zwei Bränden genauso wieder aufgebaut worden, allerdings inzwischen auf ein erdbebensicheres Fundament gestellt worden. Im Eingangsfoyer steht die Büste von Kate Sheppard, die sich für das Frauenwahlrecht eingesetzt hatte, das 1893 eingeführt wurde. Neuseeland ist heute sehr stolz darauf, dass es das erste Land der Welt war, in dem Frauen ungehindert zur Wahl gehen konnten. Links neben dem Parlamentsgebäude wurde in den 80er Jahren ein runder Betonklotz gebaut, „Beehive“, Bienenkorb genannt: das Abgeordnetenhaus. Auf der anderen Seite befindet sich in einem eigenen Gebäude die Parlamentsbibliothek, auch sie schön, alt und ehrwürdig.


Parlamentsgebäude, alt und neu


Parlamentsbibliothek

Woher ich das alles weiß? Es werden täglich Touren durch das Parlament angeboten, die sehr informativ und unterhaltsam sind. Unsere Führerin liebte definitiv ihren Job und hätte uns sicher noch eine weitere Stunde mit interessanten Geschichten fesseln können.

Auckland, die Millionenstadt, ist unbestritten das wirtschaftliche Zentrum des Landes, Wellington punktet dagegen mit seinem gemütlichen Flair, mit Kunst, Kultur und Lebensfreude. Und mit vielen sehr freundlichen Menschen! Sieben Tage hatten wir Zeit, und haben die Stadt sehr ins Herz geschlossen!

Care-Paket

Nach drei Wochen zivilisationsfreiem Segeln in den Sounds wurde der Kühlschrank langsam leer. Kein Fleisch mehr, kein Salat, die letzte Möhre gegessen, die letzte Tomate verschimmelt über Bord. Nein, wir waren nicht am Verhungern, Konserven gabs noch jede Menge, aber ein bisschen was Frisches wär‘ schon schön…

Im Revierführer, dessen neueste Ausgabe allerdings auch schon fünf Jahre her ist, heißt es über die kleine Siedlung Bulwer: das Guest House kann Fleisch und Eier besorgen, und in der nächsten Bucht gibt es einen kleinen Laden. Prima, denken wir uns.
Ein älterer Fischer, den wir am Anleger treffen, weiß nichts von derlei Einkaufsmöglichkeiten, aber wir sollen mal beim Haus oberhalb fragen. Zwischen den Häusern weiden Schafe, vor besagtem Haus liegen gemütlich zwei große Schweine herum. Wir rufen, werden durchs Gartentor gebeten.

Nach den üblichen Fragen woher und wohin dann die Info: nein, das Guest House hat zu, und der Laden hat schon vor Jahren dicht gemacht. Einkaufen – nur in der Stadt (gemeint ist Havelock, sechzig Kilometer weit weg).

Aber wie das so geht in Neuseeland: was bräuchten wir denn? Na ja, ein paar Eier, ein bisschen was Grünes, aber wir wollen natürlich nicht ihren Kühlschrank leerräumen… Nein nein, kein Problem, sie würde uns nur anbieten, was sie entbehren kann. Dankbar bekommen wir ein paar Eier, Gemüse, etwas Obst – ob wir sonst noch etwas brauchen? Na ja, drucksen wir, nach drei Wochen Fisch und Muscheln… wenn sie irgendwas mit Fleisch übrig hätten? Klar, wir bekommen eine Tüte voll eingefrorener Lammkoteletts, selbst geschossen und gesägt. Wir einigen uns auf den Preis und machen uns froh auf den Weg zurück zum Boot. Am Abend gibt es köstliches gebratenes Lamm, superlecker.

Am nächsten Tag gehen wir nochmal an Land, bedanken uns bei der netten Familie mit ein paar Lebkuchen. Am Anleger kommt uns eine andere Frau entgegen: sie waren diese Woche hier im Urlaub und fahren morgen zurück nach Christchurch, ob wir nicht ihre Restbestände an Lebensmitteln brauchen können? Ein großer Karton wartet auf uns vor ihrem Haus.

Das Leben in diesen abgelegenen Siedlungen scheint nicht viel anders als das Leben am Boot zu sein. Man ist Selbstversorger, autark was Wasser und Strom angeht, und man hilft einander ganz selbstverständlich. Großartig, dieses Neuseeland.

Gita

Eigentlich hatten wir das erst nächstes Jahr erwartet. Japan ist berüchtigt dafür, dass es keine Jahreszeit ganz ohne Taifune gibt, nur mehr oder weniger wahrscheinliche Monate. Doch Neuseeland ist ja nicht unbedingt für tropischen Wirbelstürme bekannt.
Aber Pustekuchen. Im letzten Herbst kam bereits ein Überbleibsel eines solchen Zyklons die Ostküste der Südinsel herunter, so dass wir an der Westküste noch den Wind gespürt hatten. Erst vor ein paar Wochen hat uns „Fehi“ hier die Böen um die Ohren gepfiffen (und in Auckland die Marina zerlegt).

Und jetzt „Gita“. Dieser Zyklon ist angeblich der erste, der es geschafft hat, den vierzigsten Breitengrad zu erreichen, ohne seinen Status als tropischer Wirbelsturm der Kategorie 2 zu verlieren. Seit Tagen ist er auf den Wetterkarten zu sehen, seit Tagen verfolgen wir seine vorhergesagte Zugbahn. Mal soll sein Zentrum den Norden der Südinsel treffen, mal den Süden der Nordinsel. Wir hier in den Marlborough Sounds sind genau in der Mitte. Leider sind die Zugbahnen von Wirbelstürmen nicht so genau vorherzusagen. Wenn Gita südlich von uns aufschlägt, bekommen wir Sturm aus Nordwest, wenn er nördlich trifft, bläst es erst einmal aus Südost. Und solange man das nicht weiß, ist es schwer, eine geeignete Ankerbucht auszusuchen.

Zum Glück haben wir in den meisten Ecken hier Mobilfunkempfang und können somit aus dem Internet die neuesten Wetterkarten und Hochrechnungen herunterladen. Die beiden wesentlichen Wettermodelle, das amerikanische GFS und das europäische ECMWF sind sich im Detail nicht einig, aber es zeichnet sich ab, dass das Zentrum des Zyklons wohl genau auf uns zukommt. Das heißt erst Südost, dann Nordwest. Laut dem höher auflösenden ECMWF Modell sollen die Marlborough Sounds allerdings in einer Art Windtasche liegen, zumindest was die erste Hälfte, also den Südost angeht.

Wollen wir’s mal hoffen. Wir suchen uns einen Tag vorher eine Bucht, die sehr gut gegen Nordwest geschützt ist und wenigstens ein wenig Südost-Schutz bietet. Optimalen Schutz aus allen Richtungen gibt es nicht. Wir vertäuen uns mit drei dicken Leinen an einer starken Mooringboje, zurren an Deck alles fest. Nach „Fehi“ haben wir dazugelernt und nehmen auch alle unsere Flaggen herunter. Die neuseeländische Gastlandflagge mit ihren vier Sternen (die das Kreuz des Südens darstellen sollen) war ohnehin schon geflickt (drei Sterne) und hat nach Fehi nochmals Federn, nein: Sterne gelassen (anderthalb Sterne) und muss nun wirklich nicht mehr weiter zerblasen werden. Außerdem haben wir gehört, dass es in Neuseeland ein Gesetz geben soll, das die Benutzung einer beschädigten Nationalflagge unter Strafe stellt. Na ja, von unten gesehen fallen die fehlenden zweieinhalb Sterne eigentlich kaum auf…

Von Dienstag 16 Uhr bis Mittwoch 04 Uhr ist für unser Seegebiet Sturmwarnung ausgesprochen. Über UKW wird seit Montag eine Nachricht der Zivilschutzbehörde verbreitet. Alle Zelt- und Bootsurlauber sollen die Marlborough Sounds verlassen. Wir legen die Ohren an und warten.
Die angekündigten Starkregenfälle beginnen pünktlich in der Nacht davor. Am Dienstagmorgen sind alle unsere Kanister und vier große Eimer randvoll mit schönstem Regenwasser. Und es gießt weiter. Die Wartezeit ist zermürbend. Dienstag 16 Uhr kommt, aber kein Wind. Erst gegen 21 Uhr beginnen die ersten stärkeren Böen, und tatsächlich bleiben wir vom Südost völlig verschont. In der Cook-Strait, keine zwanzig Seemeilen von uns entfernt, bläst es in voller Sturmstärke mit sieben Meter See, und wir liegen in der vorhergesagten Windtasche, und Welle bekommen wir auch keine ab.


In der Nacht weht es dann kräftig aus Nordwest, und viel Schlaf bekommen wir nicht, aber Mooring und Leinen halten, alles bleibt an Deck und am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Wir sind mal wieder glimpflich davongekommen.