Día de los muertos: Allerheiligen und Allerseelen in Mexiko

Día de los muertos: die drei Tage von Allerheiligen bis Allerseelen (31. Oktober – 2. November) sind wichtige Feiertage in Mexiko. An diesen Tagen gedenken die Familien ihrer Verstorbenen. Diese, so glauben sie, kehren einmal im Jahr zurück, um gemeinsam mit den Lebenden zu essen und zu feiern. Am 1. November wird an die verstorbenen Kinder erinnert, am 2. November dann an die Erwachsenen. Altäre werden in den Häusern aufgebaut, vereinzelt auch auf öffentlichen Plätzen oder Läden. Die Lieblingsspeisen der Verstorbenen werden zubereitet und auf den Altar gestellt zusammen mit dem „Pan de muerte“, einem Hefeteigbrötchen mit Anisgeschmack. Auf den Altar gehören auch Fotos und Sachen, die an die verstorbenen Menschen erinnern sollen, aber auch Gegenstände, die die Vergänglichkeit symbolisieren. Geschmückt wird alles mit buntem bemustertem Papier.

Die gelben und orangen Blüten mit ihrer leuchtenden Farbe weisen den Verstorbenen den Weg zu ihren Verwandten und Freunden. Es ist ein fröhliches Fest, so erzählt man uns. In einigen Teilen Mexikos werden sogar große Umzüge an diesen Tagen veranstaltet, es wird musiziert, getanzt und gesungen und oftmals ziehen lange Prozessionen von Menschen durch die weit geöffneten Kirchen.

Eine Besonderheit im Rahmen dieser Feierlichkeiten sind einzelne Figuren, die im Laufe der letzten Jahrhunderte im Rahmen dieses Totenkultes in der mexikanischen Gesellschaft einen Platz gefunden haben. Unter anderem ist das die edel gekleidete Dame Catrina, ein Skelett im Rüschenkleid und breitkrempigem Hut und der passende Herr dazu, der Garbancero. (Wikipedia)

In Ensenada geht es etwas stiller zu, diese Tage werden überwiegend im privaten Rahmen zu Hause gefeiert. Aber es gibt für uns doch ein bisschen was zu sehen. Am 31. Oktober abends ziehen ein paar Kinder in Kostümen in Begleitung ihrer Eltern umher, das amerikanische Halloween mit „trick and treat“ hat sich hier wohl auch schon ausgebreitet.

Am 1. November findet ein Wettbewerb statt: die schönste Catrina und der am schönsten dekorierte Altar werden prämiert. Veranstalter ist die Technische Universität gemeinsam mit dem Kulturzentrum von Ensenada. Auf der Plaza Santo Tomas in der Innenstadt werden schon am Vormittag Zelte aufgebaut und Stühle aufgestellt. In einer der großen Hallen, die der Weinkellerei gehören, sind viele junge Leute damit beschäftigt, Altäre mit bestimmten Themen für den Wettbewerb zu dekorieren.

Am Nachmittag dann versammeln sich die ersten Besucher, einige Damen tragen Haarreifen mit Papierblumen dekoriert, die ersten Catrinas und Garbanceros erscheinen und holen sich ihre Wettbewerbsnummer ab. Wir dürfen, wie alle anderen Besucher auch, viele Fotos von ihnen machen!

Welche der Damen nun den Hauptpreis erhalten hat, können wir leider nicht berichten, denn wir sind nicht bis zum Ende der Veranstaltung geblieben. An diesem Abend war auch eine Party am Steg geplant mit vielen Seglern, der erste Potluck nach langer Zeit mal wieder.

Langsam macht sich in der Marina Aufbruchstimmung breit: In den letzten Wochen haben wir hier im Hafen einige sehr nette Seglerinnen und Segler kennen gelernt, die gleichzeitig mit uns in Richtung Süden wollen und die wir auf dem Weg zum Golf von Kalifornien und auf den dortigen Ankerplätzen ganz bestimmt wieder sehen werden. Darauf freuen wir uns schon sehr! Wir werden aber auch von ein paar lieb gewonnenen Menschen Abschied nehmen, die in Ensenada bleiben.

Nationalpark San Pedro Martir

Es ist wieder einer dieser Tage mit einem strahlend blauen Himmel. Wir fahren durch eine hügelige Landschaft mit verdorrten Sträuchern, die Erde ist braun bis grau und steinig. Neben der Straße verläuft ein ausgedörrtes Flussbett, das manchmal von Bäumen gesäumt wird, und die tragen erstaunlicherweise grüne Blätter. Aber unter der alles bedeckenden Staubschicht erscheinen auch diese Blätter grau. Wäre da nicht die asphaltierte Bundesstraße mit den riesigen LKWs, die an uns vorbei donnern, könnte man meinen, es würden gleich ein paar Cowboys auf ihren Pferden die Hänge herunter geritten kommen: Es ist die perfekte Kulisse für einen Western. Fehlt nur noch die passende Musik dazu.

Es dauert aber eine Weile, bis sich die Landschaft so menschenleer und wüst zeigt. Fährt man aus Ensenada raus auf die Bundesstraße Nr. 1 der Halbinsel Baja California, in Richtung Süden, ist die Straße noch dicht bebaut mit Einkaufszentren, kleinen Läden und Werkstätten aller Art, riesigen verstaubten Autofriedhöfen. Dann kommen die Gewächshäuser und Felder, auf denen Arbeiter die Zucchini, Tomaten und Spargel ernteten, das Gesicht mit Tüchern verhüllt und breiten Hüten gegen die sengende Sonne.

Nach etwa 85 Kilometer erreichen wir mit unserem kleinen Mietwagen die Abzweigung zum Nationalpark San Petro Martir. (Wikipedia) Von hier aus geht es, ebenfalls auf einer recht gut ausgebauten asphaltierten Straße, noch einmal rund 100 Kilometer landeinwärts. Wir kommen nicht mehr so schnell voran, die Straße ist kurvenreich, wir müssen einige Bergketten überwinden, immer höher hinauf. Zuerst fahren wir noch durch zwei kleine Siedlungen, danach ist nur noch vereinzelt ein verlassenes verfallenes Haus zu sehen. Die Landschaft verändert sich merklich, Kaktuspflanzen machen Sträuchern Platz, die Steine werden immer größer, es wird zusehends felsiger. Irgendwann tauchen die ersten Kiefern auf, wir haben über 2.000 Höhenmeter erreicht.

Der Eingang des Nationalparks wird von Soldaten bewacht. Eine kleine Truppe ist hier stationiert, sie wohnen in einem eigenen Haus, hacken tagsüber ihr Holz und wechseln sich an der Schranke ab.

Wir melden uns beim Büro an, bezahlen unsere Gebühren und erhalten den Schlüssel für die vorab reservierte Hütte. Diese liegt inmitten hoher Kiefern und Tannenbäumen: darin zwei Stockbetten, ein kleines Bad, eine Küchenzeile und das Beste: ein Holzofen mit einem Stapel Feuerholz daneben. Wir haben alles mitgebracht, was wir brauchen: Schlafsack, Decke, Lebensmittel und Trinkwasser.

Neben der Hütte finden wir eine gemauerte Grillstelle und eine Feuerstelle, geschützt durch einen großen ebenfalls gemauerten Ring. Gleich laufen wir los und sammeln Holz. Davon gibt es wirklich genug, trocken und gut abgelagert. Die vielen Kiefernzapfen eignen sich hervorragend zum Anzünden, sie knistern und sprühen aber auch so herrliche Funken, wenn man sie zwischendurch ins Feuer wirft.

Wir erkunden die nächste Umgebung, es ist ein Zeltplatz, eigentlich nur daran erkennbar, dass sich ein paar sandige Wege zwischen den Bäumen schlängeln und ab und zu eine Feuerstelle mit einer Bank dazu auftaucht. Man verliert schnell die Orientierung, das Gelände ist riesig. Es ist herrlich hier, diese frische Luft mit dem intensiven Duft der harzigen Kiefern, das klare Licht der Nachmittagssonne. Wir sind begeistert.

Abends sitzen wir ganz nah am Feuer, denn sobald die Sonne untergeht, wird es empfindlich kalt im Gebirge. Nach den vielen Wochen in der lauten Marina genießen wir die Stille und Ruhe. Wir sind nicht allein da, aber es scheint als ob die Geräusche vom Wald verschluckt werden, wir hören nur das Knistern und Knacken der brennenden Holzscheite. Am klarer Nachthimmel können wir die Milchstraße ganz deutlich sehen, selbst mit dem Streulicht unseres Lagerfeuers. Wir laufen ein Stück die Straße hoch, weg vom Feuer, um noch mehr Sterne sehen zu können. Sogar ein paar Sternschnuppen zeigen sich. Es ist wirklich der ideale Ort für eine Sternwarte: wenige Kilometer weiter auf einem der Gebirgskämme befinden sich einige Observatorien. So weitab von jeglicher Zivilisation und deren Lichtverschmutzung herrschen perfekte Bedingungen für ihre Arbeit. Normalerweise können sich Besucher zu Führungen anmelden, wegen der Pandemie aber ist es leider nicht möglich, das Gelände wird weiträumig abgesperrt und ebenfalls von Soldaten bewacht.

Am nächsten Tag machen wir uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg zu einer Wanderung. Der Wald ist trocken, keine Wildbäche, keine Wasserfälle, wie wir es von den Alpen kennen. Und doch wachsen hier viele Blumen und Sträucher zwischen den Felsen und leben hier viele Tiere, die sich an diese Bedingungen angepasst haben.

Es ist auch die Heimat des kalifornischen Kondors (Wikipedia), der etwas kleinere Bruder des Anden-Kondors und damit der zweitgrößte Vogel der Erde. Er war in der freien Wildbahn seit den achtziger Jahre ausgestorben und lange Zeit nur noch in einigen Zoos zu finden. Aufzucht-Stationen in den USA konnten den Kondor erfolgreich vermehren und nach und nach Vögel wieder auswildern. Der Kondor ist zwar immer noch im Bestand gefährdet, aber es gibt nun tatsächlich eine stabile Anzahl an Vögeln in den Gebirgen Kaliforniens. Wir haben Glück und sehen einen von ihnen hoch oben am Himmel langsam seine Kreise drehen.

Je höher wir kommen, umso schöner wird die Aussicht auf das gewaltige Gebirgsmassiv San Pedro Martir. Mit jeder Wegbiegung erscheint eine neue interessante Steinformation, entdecken wir neue Blumen und Sträucher unter den Bäumen.

In der Ferne, auf dem gegenüberliegenden Höhenkamm sehen wir das große Observatorium und weiter verstreut in der Landschaft ein paar kleinere.

Der Weg führt über ein kleines Plateau und auf einmal befinden wir uns in einem Birkenwald, die Blätter in ein leuchtendes herbstliches Gelb gefärbt.

Kurz darauf erreichen wir den ersten Aussichtspunkt: Eine stählerne Plattform mit Gitterboden, die einen spektakulären Rundumblick bietet. An klaren Tagen soll man bis zur anderen Seite der Baja California, bis zum Meer, sehen können. Leider können wir mit der Kamera die Tiefe und Weite der Landschaft nicht wirklich einfangen.

Für unsere Mittagsrast laufen wir noch ein Stück weiter und setzen uns an einen von der Sonne gewärmten Felsen mit Blick auf ein wildes Seitental.

Auf dem Rückweg kommen uns Wanderer entgegen: es ist Samstag und viele Familien und organisierte Gruppen sind unterwegs.

An unserem letzten Morgen sitzen wir noch lange draußen in der Sonne, trinken Tee und beobachten die putzigen Streifenhörnchen (Wikipedia) die ich Anfangs für eine kleinere Art von Eichhörnchen gehalten hatte. Sie huschen so schnell über den Boden, dass man sehr genau hinsehen muss, um ihre Streifen zu erkennen. Mit viel Geduld und ganz viel Stillsitzen gelingt es uns, sie näher kommen zu lassen, so dass Andreas ein paar Fotos von ihnen machen kann.

Auf dem Rückweg halten wir immer wieder an und versuchen, diese großartige menschenleere Landschaft wenigstens ansatzweise mit dem Fotoapparat festhalten zu können.

Rund vierzig Kilometer vor Ensenada kommen wir wieder durch die weite Ebene mit den endlos erscheinenden langen Reihen mit Weinstöcken – es ist das älteste Weinanbaugebiet Mexikos. Schilder zeichnen die „Ruta antigua del vino“, die „Alte Weinstraße aus. Nach einem kurzen Abstecher zu Santo Tomas, der bekanntesten Weinkellerei in dieser Ecke, beschließen wir unseren Ausflug.

La Bufadora und Valle Guadelupe


Ende August luden uns unsere mexikanischen Freunde zu einem Ausflug ein, sie wollten uns ein paar Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Ensenada zeigen. Wir vereinbarten den folgenden Samstag und in der Früh holten sie uns mit dem Auto ab. Erst fuhren wir in Richtung Süden zur „La Bufadora“. An einer Stelle der Steilküste schlägt die Brandung mit einer starken Wucht auf die Felsen, das Wasser wird durch Hohlräume gepresst und schießt in hohen Fontänen in die Luft. Je nach Wellengang und Gezeiten können sie ziemlich hoch und spektakulär werden.

Wir waren schon vorgewarnt, dass bei der „Bufadora“ einige Andenkenläden seien. Vom großen Parkplatz, der für einen riesigen Ansturm von Besuchern ausgerichtet ist, bis zum Aussichtspunkt muss man erst einmal durch eine ziemlich lange Straße laufen. Auf beiden Seiten reiht sich ein Laden an den anderen, mit allem, was Touristen vermeintlich oder tatsächlich brauchen würden. Die Verkäuferinnen und Verkäufer stürzen sich auf uns, wir bekommen kleine Proben von Kokoslikör angeboten, werden freundlich eingeladen, in die Geschäfte zu kommen oder ins nächste Restaurant für ein frühes Mittagessen. Normalerweise würden sehr viel mehr Menschen hier sein, denn die Bufadora ist eines der beliebtesten Ausflugsziele für die Gäste der Kreuzfahrtschiffe.

Auf dem Meer lag an diesem Tag viel Nebel, die Sonne kommt an Tagen wie diesen, erst gegen Mittag durch.

Rasmus lieferte durch das Blasloch ein paar beeindruckende Wasserfontänen, aber doch so moderat, dass wir nicht durchnässt wurden.

Danach fuhren wir weiter ins angrenzende Weinbaugebiet zum Valle Guadelupe. Jetzt im Spätsommer sind die Hügel braun und die Sträucher alle trocken: Eine steinige und eher unwirtliche Gegend. Selbst die Oliven-Haine sehen staubig und grau aus. Dann öffnete sich ein Tal und es wurde ein bisschen grüner: die ersten Weingärten kamen in Sicht.

Bereits kurz nach der Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier hatte ein Jesuitenpater Weinreben nach Mexiko gebracht und in dieser Gegend angepflanzt. Sie gediehen prächtig. Doch die Weinbauern im Mutterland fürchteten um ihre Absatzmärkte und setzten einen Erlass der spanischen Krone durch, dass in der mexikanischen Kolonie Wein nur für den Gottesdienst angebaut werden durfte. Nachdem Mexiko seine Unabhängigkeit ausgerufen hatte, konnte endlich wieder Wein für alle produziert werden.

Im Tal von Guadelupe hat sich in den letzten Jahren viel getan, immer mehr Flächen wurden mit Weinreben bepflanzt. Für die vielen Touristen wurden Hotels und Herbergen gebaut und entlang der Hauptstraße eröffnen täglich neue Restaurants und Läden. Die Gegend boomt!

Wir bogen von der Hauptstraße ab, fuhren auf einer gewundenen Straße einen Berg hoch und parkten vor einem Restaurant. Auf der großen Terrasse setzen wir und an einen großen Tisch und machen eine ausgiebige Mittagspause.

Von hier hatten wir einen weiten Blick ins Tal hinunter und auf die gegenüberliegenden Berge.

In den südlich gelegenen Provinzen Mexikos werden traditionell auch Insekten und Larven gegessen: Ameisen, Mehlwürmer, Grashüpfer und Insektenlarven, gekocht oder geröstet. Dieses Restaurant hatte sie auch auf der Speisekarte und Andreas und Fernando waren so mutig und bestellten Tacos mit Insekten.

Fernando feierte seinen Geburtstag nach, aus den Lautsprechern ertönte ein Geburtstagslied, alle sangen mit und Fernando durfte die Kerze von seinem Schokoladenkuchen auspusten.


Gruppenfoto: Karina, ihre Tochter Dania, die Oma Maria, Fernando, Andreas, Birgit, Fernandos Tochter Sofia und seine Ehefrau Gabriela.


Weinberge und Palmen – eine für uns neue Kombination!

Wir drehten noch eine Runde durch das Tal, besuchten kurz einen Tierpark, den der Inhaber einer der größten Molkereien des Landes gestiftet hatte und fuhren im letzten Tageslicht zurück nach Ensenada.

Es war ein langer schöner Tag, mit vielen spannenden Gesprächen und vielen Geschenken für uns. Wir freuen uns sehr, dass wir eine so nette Familie kennen lernen durften, Zeit mit ihnen verbringen konnten und sie uns einiges erzählen konnten über ihr Land und ihre Lebensweise!

Einmal USA und zurück

Die Einreisebeschränkungen in die USA zu Covid Zeiten sind unübersichtlich. Da gibt es (noch bis November) die Regel, dass nicht einreisen darf, wer sich die letzten zwei Wochen im Schengenraum aufgehalten hat. Wir sind schon acht Wochen in Mexiko, das betrifft uns also nicht.

Dann gibt es die Beschränkung bei der Einreise von Mexiko aus nicht-notwendigen Gründen. Laut der Website der US-Botschaft in Mexiko betrifft dies aber nur die Einreise auf dem Landweg und mit Fähren. Dort steht explizit: von den Einreisebeschränkungen nicht betroffen sind Flug-, Bahn- und Schiffsreisen, außer Pendlerzüge und Fähren. Sollte für uns also eigentlich passen, denn eine Fähre ist unsere Muktuk ja nicht.

Dennoch versuchen wir, Klarheit durch einen Anruf bei den amerikanischen Grenzbehörden zu erhalten. Auf der Website finden wir die Telefonnummer der zuständigen Behörde in San Diego, dort gibt es aber nur eine Bandansage ohne Information für uns.

Also machen wir uns auf den Weg. Wir warten auf ein Wetterfenster, wo der praktisch beständige Nordwind eine Pause macht und motoren über Nacht die 65 Seemeilen nach Sand Diego hoch, um bei Tageslicht anzukommen.

Wir machen am „police dock“ fest und finden dort eine Telefonnummer, bei der tatsächlich ein Mensch antwortet. Er fragt nach unserer Nationalität, unseren Visa, dem Zweck unserer Reise und klingt schon recht bedenklich, schickt aber zwei Beamte zu uns an den Steg, die auch nach 20 Minuten eintreffen.

Sie fragen uns (nicht unfreundlich), warum wir gegen die Einreisebestimmungen verstoßen würden, denn es gäbe doch ein Einreiseverbot für nicht-notwendige Reisen in die USA. Ich erkläre, dass das auf der offiziellen Botschafts-Website der USA ganz anders erklärt wird, aber es hilft alles nichts: uns wird die Einreise in die USA nicht gestattet.

Unsere Pässe werden notiert, unsere Fingerabdrücke abgenommen, Fotos gemacht. Die Küstenwachse sei benachrichtigt, sie würde verfolgen, dass wir auch wirklich auf direktem Weg das Land verlassen.

Die beiden Beamten sind dabei aber stets freundlich, es scheint ihnen selbst unangenehm zu sein, uns fortschicken zu müssen. Sie müssen sich aber an die Regeln (oder die Interpretation der Regeln durch ihren Vorgesetzten) halten. Sie sagen, dass sie eine Änderung in ein oder zwei Monaten erwarten, und dass wir dann selbstverständlich willkommen seien.

Vor allem aber erkennen sie an, dass wir in gutem Glauben gekommen sind, und statt uns die Einreise zu verweigern (was uns sicher bei der Verlängerung unserer Visa Probleme machen würde), erlauben sie uns, unseren Einreisewunsch zurückzuziehen, so dass kein negativer Eintrag in unserer „Besucherakte“ erfolgt. Wir dürfen noch unsere Wassertanks auffüllen und Diesel tanken, dann aber machen wir uns auf den Weg zurück nach Mexiko.

Zwei Nachtfahrten, anderthalb Stunden Aufenthalt in San Diego, 150 Liter Diesel vertuckert, rund 100 Euro Gebühren für das Aus- und wieder Einklarieren in Mexiko, und wir liegen wieder an unserem alten Steg in der Marina. Um eine Erfahrung reicher. Und mit rund sechs Wochen Zeit, bevor die Hurrikan-Saison zu Ende geht und wir uns auf den Weg nach Süden in die Sea of Cortez aufmachen können.

Wir nehmen es gelassen. Wir haben Ensenada liebgewonnen, das Leben hier ist gut und günstig. Es gibt schlimmere Orte, um eine Weile auszuharren.

Im Land der Mango und Papaya

Früher war Westdeutschland für mich das Land der Schokolade und Bananen, so wie ich es mir als Kind in Rumänien ausgemalt hatte. Heute ist Mexiko für uns das Land der Mangos und Papayas, der Tortillas und Burritos, der Salsa und Guacamole: Die mexikanische Küche ist so vielfältig wie das Land groß und es gibt noch so viel zu entdecken. Dass wir tatsächlich so viele neue Zutaten und Gerichte in den letzten Wochen kennen lernen konnten, verdanken wir einer mexikanischen Familie.

Gleich in der ersten Woche, nachdem wir wieder auf der Muktuk zurück waren, haben wir einen Imbiss entdeckt: es schmeckte uns so gut, dass wir regelmäßig alle paar Tage dort zu Mittag gegessen und uns mit den Besitzern angefreundet haben:


Von links nach rechts: Karina, ihr Bruder Fernando und dessen Frau Gabriela

Für die Tagesgerichte kombinierte Fernando mit viel Fantasie die mexikanische Küche mit Rezepten aus aller Welt und seine Schwester Karina kocht wie bei Muttern daheim: typische mexikanische Gerichte, die man eher selten in den Restaurants auf der Speisekarte findet.

Huhn in Mole: die Mole ist eine Sauce mit allerlei Gewürzen, der Kakao und die Mandeln darin geben ihr die dunkle Farbe und den besonderen Geschmack. Wir haben uns vom Markt auch „Mole“ geholt und das Gericht bereits ein paar Mal nachgekocht.

Nopales, so heißen die großen ovalen essbaren Kaktusblätter, das neue „Superfood“. Wenn die Nopales in kleine Stücke geschnitten werden, sondern sie einen durchsichtigen Schleim ab. Anders als im Internet in vielen Rezepten empfohlen, sollte man die Kaktusblätter nicht vor dem Kochen wässern, sagten uns unsere mexikanischen Freunde. Vom Geschmack her erinnern die Nopales ein bisschen an grüne Bohnen und werden meistens auch ähnlich zubereitet. Mit Zwiebeln und Knoblauch gedünstet und zuletzt klein geschnittene Tomaten dazu.


Nopales mit Schweinefleisch

Und dann noch Burritos gefüllt mit Hühnerfleisch oder Bohnen, ein Klassiker:

El Globo

Etwa 15 min mit dem Fahrrad entfernt befindet sich der „Globo“ Markt, ein ganzes Stadtviertel mit Läden: ganz das Gegenteil eines sterilen klimatisierten Shoppingcenters: Langgezogene überdachte Gänge mit Geschäften, die vollgestopft sind mit Sachen aus zweiter Hand, Waren des täglichen Bedarfs: Klamotten, Küchenutensilien, Elektrogeräte, Werkzeug, Möbel. Beim ersten Mal waren wir ziemlich überfordert, es erschien uns alles wie ein riesiges unüberschaubares Chaos. Aber man gewöhnt sich daran und findet überraschend ab und zu Sachen, nach denen man gar nicht gesucht hat.

Ein Stück alte Heimat in Mexiko!

Am Rande dieses wohlgeordneten Durcheinanders befindet sich die Straße mit den Lebensmittelgeschäften für Obst und Gemüse, oder jeweils für Käse, Fleisch, Fisch. Ich habe mich riesig gefreut, als ich feststellte, dass der Käse, aus dieser Theke hier genauso schmeckt wie der, den man in Hermannstadt auf dem Zibinsmarkt kaufen kann!


Hier fand ich dann auch die herrlichen dicken Tomaten, die so schmecken, wie ich sie von früher kenne. Sie sind nicht so robust wie die neuen Züchtungen, darum nehme ich jedes Mal eine große Dose mit, damit sie auf dem Transport zurück auf dem Fahrrad nicht zermatschen. In der Marina gibt es ein Grillhäuschen und so lag es nahe, aus dem vielen guten sonnengereiften Gemüse eine Sakuska zu kochen. Sakuska ist eine Art Ajvar, wie es in Rumänien zubereitet wurde, mit Auberginen dazu. Dafür werden die Auberginen und ein Teil der Paprika vorher als Ganzes gegrillt und dann erst von den verkohlten Schalen befreit. Das rauchige Aroma gibt der Sakuska diesen besonderen Geschmack.




Unser Kühlschrank ist seit Wochen bis obenhin voll mit Obst fürs Müsli in der Früh (Papaya, Mango und Babybananen) und mit Gemüse, Fleisch oder Krabben fürs Abendessen. Mittags fahren wir entweder zu unserem Imbiss oder essen am Wochenende bei einem der Flohmärkte Carnitas, Tacos mit gesottenem Fleisch. Garnieren kann man sie dann am Tisch mit Zwiebeln und Koriander und wer sich traut, auch mit den ziemlich scharfen Saucen.

Bei diesem Stand im Zentrum stehen die Leute am Wochenende in der Schlange, um Tacos Mariscos mit Meeresfrüchten zu essen.

Und hier noch ein paar Impressionen:






Kann es im Schlaraffenland schöner sein als hier?

Dos Margaritas por favor!

Ensenada beansprucht für sich, den Margarita erfunden zu haben. Gleich zwei Bars in der Stadt machen sich heute den Titel streitig, welche von ihnen als Erste diesen Drink gemixt habe. Die Legende der Hussong Bar berichtet davon, dass in den 1930er Jahren die Tochter des deutschen Botschafters Margarete Henkel in der Bar zu Gast war, als der Barmann gerade einen neuen Drink mit Tequila, Zitronensaft, Likör und zerstoßenem Eis ausprobierte. Die Hussong Bar ist die älteste Bar der Stadt, es gibt sie bereits seit 1892.

In der Bar Andaluz kann man einen Hauch des goldenen Zeitalters in den 1930er Jahren erahnen: sie befindet sich im Gebäude des damaligen Hotels Playa mit Casino, heute das Kulturzentrum der Stadt „Riviera de Ensenada“ inmitten eines wunderschönen Parks. Die Andaluz Bar behauptet nun, den Drink nach der ehemaligen Direktorin des Hotels, Margarita King, benannt zu haben.

Wie dem auch sei: wir setzen uns in den hübschen Innenhof des Kulturzentrums, genießen die letzten Sonnenstrahlen und bestellen Margaritas: es gibt sie ganz klassisch mit Zitrone, oder mit Mango, Himbeeren oder Erdbeeren. Uns hat es die Mango-Variante angetan, der Glasrand ist mit einer köstlichen Mischung aus Salz, Limette und getrockneten Paprika versehen.

Jeden Sonntagnachmittag wird der Saal gegenüber der Bar geöffnet und es treffen sich Tanzbegeisterte, die zu einer Life-Band für ein paar Stunden Lateinamerikanische Tänze tanzen. Sie bewegen sich alle mit einer solchen Leichtigkeit, egal ob jung oder alt. Ihre Ernsthaftigkeit und die Begeisterung sind so ansteckend, am liebsten würde ich mittanzen.

Mitte August wurde in Ensenada das Margarita-Festival gefeiert. Im großen schönen Park waren Zelte aufgebaut, Tische und Stühle auf den Rasen gestellt. Am Eingang musste man sich in eine Liste eintragen, die Telefonnummer angeben und den Impfstoff, mit dem man jeweils gegen Covid-19 geimpft worden war. Dann durfte man – mit Mundschutz – durch den Park flanieren, sich in die Schlange für einen Margarita anstellen, sich etwas zu essen holen bei einem der vielen Stände und der Live-Musik zuhören. Überall entspannte fröhliche Menschen! Wir merkten auf einmal, wie sehr wir es vermisst hatten, einen Abend unbeschwert unter vielen Menschen verbringen zu können.

Der Park und das schöne alte Gebäude sind immer einen Besuch wert, jedes Mal entdecken wir neue Details:

Ensenada

Wenn man die letzten Einträge gelesen hat, könnte der Eindruck entstehen, wir würden den ganzen Tag nur Motoren und Pumpen reparieren und kaputte Geräte aus- und neue einbauen.
Aber nein, Ensenada ist ein Ort, wo man es sich auch gut gehen lassen kann. Buchstäblich an jeder Straßenecke steht ein mobiler Imbiss, wo man Tacos und Tortillas „mariscos“ mit Meeresfrüchten essen kann oder große Becher mit Ceviche auslöffeln und ein paar Scheiben Avocado auf Chips dazu bekommt. Das heißt, dass wir mittags meistens nicht kochen, sondern schnell mit den Fahrrädern losfahren und in der Stadt was essen: köstlich und günstig.
Und da die Leute hier alle so freundlich und kontaktfreudig sind, kommen wir meistens mit dem Inhaber des Imbisses oder mit dem einen oder anderen Gast schnell ins Gespräch. Die einzige Hürde dabei ist unser fürchterlich eingerostetes Spanisch.

Auch im Hafen an unserem Steg treffen wir auf viele nette Segler. Zwar ist nicht so viel los, wie vor der Pandemie, viele Boote sind hier geparkt und ihre Besitzer zurück in den USA. Die paar verbliebenen „liveaboards“ (Segler, die auf ihrem Boot leben und dauerhaft im Hafen liegen) kennen sich untereinander ganz gut und wir machen für einige Wochen in dieser Gemeinschaft mit: wir treffen uns auf ein Glas Wein oder helfen einander.

Und dann gibt es noch unsere lautstarken Nachbarn: eine Seelöwenkolonie erobert ab und zu einen freien Steg und unter viel Getöse und Lärm kämpfen sie um den bequemsten Platz in der Sonne. Die Möwen sind nicht weniger laut, ständig auf der Suche nach Essbarem. Sobald eine etwas gefunden hat, kommen aus allen Richtungen weitere Möwen dazu und das Schreien und Quaken geht los.


Wenn sie allerdings so verschränkt im Wasser liegen, schlafen sie und sind ganz still.

Gleich neben unserer Marina ist die Anlegestelle für die Kreuzfahrtschiffe. Zwei von diesen riesigen schwimmenden Städten können gleichzeitig festmachen. Einige der Linien haben bereits wieder ein paar Gäste an Bord. Ein Unternehmen aber nutzt den Aufenthalt hier, um seine Schiffe zu reparieren. Dann sieht und hört man vor allem das ständige Brummen und Hämmern der Arbeiter, die den Rost klopfen, putzen und alles neu streichen.

Nur die kleine schwarze Katze huscht abends lautlos auf dem Steg umher und versucht, durch offene Luken in die Boote zu gelangen, um ein bisschen Essen, das offen herum liegt, zu stibitzen.

Wir befinden uns ganz oben im Norden der mexikanischen Provinz namens „Baja California“ (Niederkalifornien). Eine Halbinsel von über 1.200 km (im Vergleich ungefähr so lang wie Italien) und eine der sichersten Ecken des Landes. Der Ort Ensenada liegt eine gute Stunde südlich von der Grenze der USA entfernt. Direkt an der Grenze befindet sich die Stadt Tijuana, durch diese schreckliche Mauer von San Diego getrennt. Es ist eigentlich ein Metallzaun, durch den man hindurch schauen kann, unüberwindliche Meter hoch. Ohne den Zaun könnte man gar nicht erkenne, wo Tijuana aufhört und wo San Diego anfängt, beide Ortschaften sind so aufeinander zugewachsen.
Während der Prohibition in den USA vor hundert Jahren entwickelte sich Tijuana zu einem beliebten Ausflugsziel, es entstanden Vergnügungsviertel mit Kneipen und Casinos, wo es nachts nicht mehr ganz so sicher war. Und auch heute ist die Stadt eine beliebtes Ziel, vor allem in den „spring breaks“, den Frühlingsferien, kommen viele junge US-Amerikaner hierher, um zu feiern.

Ensenada lebt auch vom Tourismus, momentan geht es aber etwas ruhiger zu. Die Kreuzfahrtschiffe brachten vor der Pandemie ständig Tagestouristen in die Stadt, viele US-Amerikaner kamen mit dem Auto hierher, für sie ist diese Gegend ebenso attraktiv wie für einheimische Reisende.
Wie das vor Corona gewesen sein muss, wenn drei bis viertausend Touristen von zwei Schiffen auf einmal durch die Stadt zogen, kann ich mir nicht recht vorstellen. Aber Ensenada ist gut gerüstet dafür: in drei langen Straßenzügen reihen sich Boutiquen, Andenkenläden, Restaurants und Cafés aneinander. Alle sehr einladend und hübsch eingerichtet. Auch das Umland hat ein paar Sehenswürdigkeiten: an der Küste entlang gibt es immer mal wieder schöne Strände und Hotels, im Hinterland in den Hügeln liegt das Weinbaugebiet Valle Guadeloupe, und im Winter kann man darauf hoffen, Walen auf ihrer Wanderung an der Küste entlang zu begegnen.

Jenseits der Touristenmeile gehört die Stadt den Einheimischen: die Straßen sind in einem quadratischen Raster angelegt: Große Supermärkte neben kleinen Läden, auf der Straße fliegende Händler, dazwischen Handwerksbetriebe und kleine Cafés. Ab und zu ein Restaurant oder ein kleiner Imbiss und überall die vielen fahrbaren Straßenstände, bereiten traditionellere Gerichte zu, die zudem günstiger sind.
Nach und nach haben wir die Stadt erkundet, viele Ecken sind uns vertraut und wir wissen nun, wo es eine gute Auswahl an Schrauben gibt, welcher Fischladen immer frische Krabben bereit hält und welcher Stand die guten reifen Tomaten hat…

 

Zwischendurch eine kleine Oase der Ruhe: der Innenhof eines Cafés:

Velociped

Mit diesem einfachen Trick haben wir unsere Rumpfgeschwindigkeit um mindestens das fünffache gesteigert. Funktioniert allerdings nur an Land, auf See ist nicht genügend Auslauf vorhanden.

Unsere beiden Hightech-Boliden (eines hat sogar Gangschaltung!) haben wir für umgerechnet 45 Euro pro Stück auf dem „Globo Market“ gefunden, einem riesigen Floh-, Gemüse-, Fleisch-, Fisch- und Jahrmarkt, ein paar Fahrradminuten vom Hafen entfernt. Das heißt, einmal mussten wir hinlaufen, das hat dann länger gedauert.

Und da wir die beiden nicht nur als Draht- sondern auch als Lastesel brauchen, musste ich beim einen noch einen Gepäckträger und beim anderen einen Lenkerkorb dazu bauen. Meine erste Gepäckträger-Konstruktion hat allerdings den Härtetest nicht bestanden: als ich auf dem Korb drei Wasserkanister zu je 10 Liter transportieren wollte, brach das Ding nach dem letzten Schlagloch einfach zusammen. Der neue Gepäckträger sollte jetzt besser halten.

Wie lange wir die Räder behalten können, ist noch nicht klar, denn für schwere See haben wir keine Lagermöglichkeit an Deck, und außerdem werden sie das ständige Begießen mit Salzwasser sicher nicht mögen. Und unter Deck haben wir zwar wirklich ausgiebig gesucht, aber den Eingang zum Fahrradkeller finden wir einfach nicht!

Bis San Franzisco sollte es aber hoffentlich gelingen, sie mitzunehmen, und vielleicht gibt es dort auch einen Flohmarkt und dann heißt es: in gute Hände abzugeben…

Eingerostet

Wir waren ja sehr gespannt, wie wir unsere Muktuk wohl nach elf Monaten Abwesenheit vorfinden würden. Noch nie waren wir so lange Zeit vom Boot fortgewesen. Unsere Befürchtungen waren überwiegend grundlos, denn Dank des trockenen und gleichmäßig warmen Klimas in Ensenada hat sich alles gut gehalten, ohne Schimmel und Muffigkeit. So wurde es nach einigem Putzen an und unter Deck und kräftigem Durchlüften schnell wieder wohnlich und wir genießen es sehr, wieder zu Hause zu sein.

Da es aber keinem Schiff guttut, so lange unbewohnt zu sein, gab es natürlich jede Menge Arbeit. Alles Bewegliche wurde elf Monate lang nicht bewegt und sah überhaupt nicht ein, dass dies nun anders werden sollte. Die Relais der Ankerwinsch und des Bugstrahlruders saßen fest, mussten ausgebaut und gängig gemacht werden. Die Dichtungen am Wasserhahn der Küche waren versprödet und leckten, dasselbe galt (leider) auch für die Hauptdichtungen der Toilette, also war Ausbau und Ersetzen angesagt.

Unsere Not-Pinne, die ja gleich zwei Ruderblätter bewegen muss und daher mechanisch stark belastbar ausgelegt ist, konnte uns erfolgreich beweisen, dass auch 12 mm starker Stahl durchrosten kann. Zur Belohnung wird sie jetzt mit verbesserter Rezeptur neu geschweißt.

Selbst unsere Kaffeemühle, die bei uns allerdings nicht artgerecht als Gewürzmühle gehalten wird, verweigerte den Dienst und musste wieder gängig gemacht werden. Soweit die Kleinigkeiten.

An größeren Brocken standen (geplante) Reparaturen am Fäkalientank und der Austausch der Frischwasserpumpe an, und nach unserem Auspuffdebakel vom letzten Jahr, bei dem ja viel Seewasser in den Maschinenraum gelangt war, war unsere große Lichtmaschine komplett korrodiert und festgefressen. Zum Glück ließ sie sich ohne große Gegenwehr ausbauen, aufschrauben, entrosten, putzen und schmieren, so dass sie jetzt wieder läuft und lädt. Die passenden Ersatz-Keilriemen hatten wir zum Glück noch.

Unsere Bord-Batterien hat es übel mitgenommen, nachdem unsere Solarpaneele von den Möwen als Sitz- und vor allem Verdauungsplatz umfunktioniert wurden und derart zugedreckt keinen Strom mehr produzieren konnten (denn, siehe oben: hier regnet es praktisch nicht). Somit waren die Batterien auf etwa halbe Nennspannung abgefallen, was normalerweise ein Todesurteil ist. Dank Landstrom und nach einigen Ladezyklen konnten wir sie aber wieder zum Leben erwecken und kommen wahrscheinlich um einen vorzeitigen Austausch herum.

Solange wir noch in der Marina liegen und den Luxus eines Frischwasserschlauchs genießen, müssen wir uns noch um die Lackierung des Decks kümmern. Hier hatten wir im letzten Jahr auf der Werft ein neues System der Anti-Rutsch-Behandlung ausprobiert. Statt normierten Sand aus der Gießerei auf die gestrichenen Flächen zu streuen, haben wir speziell gemahlenen Walnussschalen in die Farbe gemischt und das Deck damit (einheitlich weiß) gestrichen. Dieses Experiment ist auf ganzer Linie gescheitert, denn im Ergebnis haben wir jetzt ein immer noch rutschiges, sehr ungleichmäßig aussehendes Deck, auf dem durch die Körnung jeder Dreck haften bleibt und den man nun – durch die weiße Farbe – auch hervorragend sieht.

Da müssen wir also noch einmal ran, und werden wieder graue Teilflächen mit spezieller Antirutsch-Farbe malen, die schon bestellt, aber noch nicht bei uns ist. Zur Vorbereitung müssen wir aber alle Flächen, die weiß bleiben sollen, abschleifen und neu weiß lackieren, um die Schmutzfänger, d.h. Körnchen der Walnussschalen, loszuwerden. Die ganze Aktion erinnert fatal an Keynes‘ Vorschlag, zur Ankurbelung der Wirtschaft ein großes Loch graben und wieder zuschütten zu lassen.

The Family That Dared

Ein paar Wochen dauert es noch, bis wir wieder zurück zur Muktuk können. Momentan liegt sie gut bewacht in der Marina in Ensenada, Mexiko. Befreundete Segler schauen immer mal nach ihr und versichern uns, dass soweit alles in Ordnung ist.

Zufällig las ich in diesem Frühling einen Beitrag auf der Webseite der Zeitschrift „Yacht“ über eine Familie aus Deutschland. Ihren Abenteuern zu folgen half uns ein wenig, das Fernweh auszuhalten und die Zeit zu überbrücken. (Hier klicken: Interview in der Yacht)

Die Geschichte handelt von Marie und Joachim Campe, die Mitte der 1970er Jahre beschlossen hatten, ihr Haus im bayerischen Icking zu verkaufen und mit ihren vier Kindern zu den entlegensten Winkeln dieser Erde zu segeln.

Sie gaben ein Segelboot in Auftrag in einer kleinen Werft in Frankreich, in der Nähe von La Rochelle: ein Boot aus Stahl, ein Schoner. Vom Decksaufbau und der Ausstattung erinnert vieles an unsere Muktuk, die ebenfalls in der Gegend nur wenige Jahre später gebaut wurde.
Von La Rochelle legten sie 1977 los, ihr erstes Ziel war Neufundland mit einem Zwischenstopp in Grönland. Nicht die einfachste Route für eine unerfahrene Crew. Sieben Jahre lange  waren sie insgesamt unterwegs, die meiste Zeit abseits der gängigen Segelrouten im Atlantik und im Pazifik.

Joachim Campe vereinbarte mit dem Bayerischen Rundfunk, unterwegs Filme über ihre Segelreise zu drehen. Zwölf Folgen zu je 45 min wurden schließlich 1984 gesendet. Es ist eine beeindruckende Langzeitdokumentation: der Bau des Bootes wird filmisch begleitet, die Eltern und die Kinder überlegen sich, was sie von der Weltreise auf dem Boot erwarten. In den einzelnen Folgen kommen immer wieder die Kinder zu Wort. Sie erzählen, von ihrem ungewöhnlichen Alltag, sie staunen über die unendliche Weite des Meeres, beobachten und zeichnen die exotische Tierwelt der Galapagos Inseln und verbringen Wochen auf abgelegenen Inseln der Südsee, wo sie in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden. Es ist faszinierend zu sehen, wie leichtfüßig sie sich auf dem Boot bewegen und überall mit anpacken, wie neugierig sie an Land alles erkunden und wie unbefangen sie auf fremde Menschen zugehen.

Die Filme wurden unter heute unvorstellbar schwierigen Bedingungen gedreht: Damals gab es noch keine Handys oder wasserfeste Gopro-Kameras mit schier unbegrenztem Speicherplatz: die Kamera war mehrere Kilogramm schwer, die Filmrollen nahmen im Boot viel Platz weg und alles musste vor dem Salzwasser und der Feuchtigkeit geschützt werden. Und statt einer Drohne, die man heute problemlos über den schönsten Ankerplätzen steigen lassen kann, mieteten sie einen Heißluftballon, um in der Wildnis von Südost-Alaksa spektakuläre Aufnahmen machen zu können.

Joachim Campe ist 2019 noch einmal mit seinem Boot los gesegelt und nun gerade in Lombok, Indonesien. Dort traf er auf Vernon, einen passionierten Video-Blogger, der mit Joachims Einverständnis die Filme digitalisiert und mit Untertiteln versehen, nach und nach ins Netz gestellt hat.

Als Einführung spricht Vernon mit Joachim Campe, inzwischen 82 Jahre alt. Joachim erzählt, warum er mit seiner Familie um die Welt segeln wollte, von der Vereinbarung mit dem BR und gewährt einen ersten Einblick in ihren Alltag auf See. Ein paar Filmausschnitte von ihrer Weltreise sind in diesem Beitrag bereits zu sehen, einfach anklicken: Interview mit Joachim Campe

Alle 12 Folgen sind inzwischen auf Youtube abrufbar unter „The Family That Dared“ auf dem Youtube-Kanal „Sailing Lessons“ von Vernon.

2. Folge

3. Folge

4. Folge

5. Folge

6. Folge

7. Folge

8. Folge

9. Folge

10. Folge

11. Folge

12. Folge

Und wie ging es danach weiter? Hier das Interview zum Abschluss der Serie, noch einmal Joachim Campe und Vernon in Indonesien:
Abschluss-Interview